Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 2. Teil
Entstehung
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Zwei Gegenſtaͤnde des Schulunterrichts ſind es beſonders, welche ſchon des⸗ wegen zu den wirkſamſten Mitteln fuͤr ſittlich religioͤſe Bildung der Jugend ge⸗ rechnet werden muͤſſen, weil ſie den Sinn fuͤr und das Streben nach Wahrürit erwecken und naͤhren, Mathematik und Naturwiſſenſchaft.»Der große Nutzen der Naturwiſſenſchaft liegt fuͤr die Jugend darin, daß ſie lerne, mit Sicherheit zur Wahrheit zu gelangen, und in dieſer Hinſicht iſt der Vortheil, den ſie aus dieſem Studium zieht, von unſchätz⸗ baren Werthe« Da hier Alles auf Thatſachen, auf realen und ſinnfälligen Gegenſtaͤnden beruht, ſo liegt die Verknuͤpfung der Wirkungen mit ihren Urſa⸗ chen klar vor Augen. Sie gewoͤhnt ſich dabei, die Sachen gruͤndlich zu verſte⸗ hen, und ſie laͤßt ſich nicht mit bloßen Worten abfinden, wie es ſo haͤufig ge⸗ ſchieht, wenn man ſie mit abſtracten Begriffen beſchaͤftigt. Mad. Necker de Saussure de l'éducation progressive ou étude du cours de la vie. In der That ſind wenige Unterrichtsgegenſtaͤnde der niederen Gelehrtenſchule, die Ma⸗ thematik ausgenommen, ſo geeignet, den Schuͤler ſelbſtthätig zur Erkenntniß der Wahrheit zu fuͤhren, als die Naturwiſſenſchaft. Denn hier geht ja all ſein Wiſ⸗ ſen aus klarer Anſchauung, aus einem auf ſinnlich wahrnehmbaren Thatſachen beruhenden Nachdenken, und aus apodiktiſchen mathematiſchen Beweiſen hervor, welche der Schuͤler ſelbſtthaͤtig finden und fuͤhren zu laſſen dem Lehrer ein Leichtes ſein wird, ſofern er nur auf entwickelnde, heuriſtiſche und ſokratiſche Methode ſich verſteht. Nirgends, als hier, iſt es ſo leicht, den Schuͤler die Wahrheit ſei⸗ ner Urtheile und Schluͤſſe ſelbſt pruͤfen, ſeinen Irrthum einſehen und verbeſſern zu laſſen. Sehr bald wird der Schuͤler bei dem naturwiſſenſchaftlichen Unter⸗ richt zu der Einſicht gelangen, daß gruͤndliche Naturkenntniß von der aufmerkſam⸗ ſten und vielſeitigſten Betrachtung, der ſchaͤrfſten und ausdauerndſten Beobach⸗ tung, der gruͤndlichſten und umſichtigſten Unterſuchung der Naturobjecte bedingt iſt. Nicht allein der Sinn fuͤr Wahrheit in dem Gemuͤthe der Sugend zu erwe⸗ cken iſt alſo Naturkunde faͤhig, ſondern ſie gewoͤhnt ſie auch an Selbſtthaͤtigkeit und Gruͤndlichkeit im Erforſchen der Wahrheit.

Wie vielfaͤltige Gelegenheit, welch treffliches Mittel bieten nicht die Gegen⸗ ſtaͤnde und Erſcheinungen der Natur zu den ſchoͤnſten ethiſchen Beziehungen und Vergleichungen, zur Verſinnlichung und Veranſchaulichung, zur Befeſtigung und Belebung allgemeiner, beſonders ſittlicher und religioͤſer Berichte und Wahrhei⸗ ten durch Bildniſſe, Gleichniſſe und Parabeln dar! Auch auf dieſe Weiſe wirkt Naturkenntniß mit zur Veredelung des Gefuͤhls und Gemuͤths der Jugend. Die⸗ ſer erhabene Zweck wuͤrde beſonders dadurch noch gefoͤrdert werden, wenn man mit dem naturwiſſenſchaftlichen Unterrichte die Lectuͤre und Erlernung paſſender, auf die Natur ſich beziehender Gedichte verbinden koͤnnte.

Noch darf ich nicht unerwaͤhnt laſſen, wie ſegensreich ein Zweig des na⸗ turwiſſenſchaftlichen Unterrichts, die Anthropologie, uͤberhaupt einer der in⸗ tereſſanteſten und bildendſten Gegenſtaͤnde des Jugendunterrichts, auch auf die