Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 2. Teil
Entstehung
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Natur iſt etwas ſo Großes, ſo Anziehendes, ſie reizt durch die ſtets neuen Phaͤ⸗ nomene, welche ſie darſtellt, die Wißbegierde in dem Grade, daß der Forſcher ſich ſelbſt verliert, um einzig und allein in das ſich ihm darbietende Object ſich zu vertiefen. Das Intereſſe an der Kenntniß der Natur iſt etwas ſo Reines, daß es, wie das Intereſſe an Ehre, mit welchem es ſich auch am leichteſten ver⸗ bindet, bei dem Naturforſcher Vergeſſenheit aller irdiſchen, materiellen Vortheile bewirkt. Wenn man Cluſius Leben lieſt, wenn man Linne's, von allen irdiſchen Hinderniſſen bekaͤmpfte und doch ſiegreiche wiſſenſchaftliche Entwickelung verfolgt, wenn man die ganze Geſchichte der Botanik durchgeht: ſo wird man am Ende finden, daß keine Idee, die der Ehre und Religiou ausgenommen, ſo viele Maͤr⸗ tyrer zaͤhlt, als die Idee der Naturkunde. Die Urſache hiervon iſt, daß das Studium der Natur zwei Eigenſchaften mit der Ehre und Religion gemein hat, indem es zugleich objectiv und aͤſthetiſch iſt, zugleich ein aͤußeres Object umfaßt und mittelſt dieſer Auffaſſung das Gefuͤhl aufs Lebendigſte beſtaͤtigt. Gleich der Religion bildet es auch nicht bloß Maͤrtyrer, ſondern auch fromme und ſanfte Menſchen. Die Geſchichte der Naturwiſſenſchaft ſtellt wenige jener wilden, er⸗ bitterten und verketzernden Zwiſte auf, welche auf dem Gebiete der uͤbrigen Wiſ⸗ ſenſchaften ſo gewoͤhnlich ſind, wie jene Unbilligkeit gegen das Verdienſt der Vor⸗ gaͤnger, welche die Bahn zu neuer Ehre erſchwert haben. Man koͤnnte mithin ſagen, die Naturforſcher machten einen uͤber die ganze Erde verbreiteten Orden aus, den einzigen, welcher bis zum Ende der Welt dauernd ſich mehren und ver⸗ klaͤren wird. Wie die Gaͤrtner die frommſten Handwerker, die Landbauer die frommſten Buͤrger ſind; ſo werden die Anbauer der Wiſſenſchaften in dem Maaße ſanfter, als ſie ſich in das objective Studium der Natur vertiefen, und Ovids bekanntes nec sinit esse feros kann beſonders auf ſie angewendet werden. End⸗ lich hat die Naturforſchung das mit der Religion gemein, daß ſie in ſolchen Verhaͤltniſſen Troſt gewaͤhrt, wo jeder andere Troſt fehl ſchlaͤgt. Ein Natur⸗ forſcher gibt nie ſeine Wiſſenſchaft auf, wird ihrer nie uͤberdruͤſſig. Rouſſeau und Goͤthe fanden in dieſem Studium ihre letzte Schutzwehr ge⸗ gen die Leere des Lebens. Wenn man auch in dieſer Stelle den fuͤr ſein Fach begeiſterten, ſeine Wiſ⸗ ſenſchaft etwas zu ſehr idealiſtrenden Naturforſcher nicht verkennen wird, ſo zeigt ſie uns doch, daß Naturforſchung und Naturkenntniß keineswegs, wie wohl die Anſicht mancher Paͤdagogen iſt, eine Dienerin der materiellen Beduͤrfniſſe des Menſchen genannt zu werden verdient, ſondern daß die Naturwiſſenſchaft in eben dem Grade, wie jede andere Schulwiſſenſchaft, durch das reinſte wiſſenſchaftliche Intereſſe zu begeiſtern, und auf Gefuͤhl und Charakter veredelnd einzuwirken vermag.

Als beſonders wichtig fuͤr Gemuͤthsbildung verdient die Folge gruͤndlicher Naturkenntniß hervorgehoben zu werden, daß ſie dem Menſchen Ehrfurcht vor der Natur einfloͤßt. Dem Kenner der Natur muß ſie in allen ihren