Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 2. Teil
Entstehung
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in Bezug auf die Faſſungskraft des Schuͤlers iſt die abſteigende Methode fuͤr den Unterricht am geeignetſten. Die Merkmale der Thiere laſſen ſich klarer und be⸗ ſtimmter mit den Sinnen auffaſſen, als die der Pflanzen, und die meiſte Schwie⸗ rigkeit bieten in dieſer Beziehung die Mineralien dar. Gerade das, was am meiſten und zuerſt in die Augen faͤllt, Farbe und Groͤße, iſt hier das Unweſent⸗ lichſte oder kommt gar nicht in Betracht; die weſentlichſten Merkmale der Mine⸗ ralien aber, wie ſpecifiſches Gewicht, Haͤrtegrad, Art und Grad der Durchſich⸗ tigkeit und des Glanzes ſind theils der unmittelbaren Anſchauung entzogen, und erfordern, um zur Auſchauung gebracht zu werden, erſt beſondere Apparate und Verſuche, theils erwecken ſie in dem Geiſte keine ſo deutlichen Bilder und Vor⸗ ſtellungen. Die chemiſchen Merkmale, welche zur Beſtimmung gerade am wich⸗ tigſten ſind, koͤnnen auf den niederen Stufen des Unterrichts, namentlich auf Gelehrtenſchulen, ſo gut wie gar nicht, angewendet werden. Die Geſtalt, das weſentlichſte und deutlichſte Merkmal kryſtalliſirter Mineralien, iſt oft deshalb ſchwierig zu erkennen, weil die Kryſtalle ſelten regelmaͤßig und vollſtaͤndig aus⸗ gebildet, haͤufig ſehr klein und auf mannichfaltige Weiſe abgeaͤndert ſind; auch erfordert die deutliche Auffaſſung der Kryſtallformen und das Feſthalten des da⸗ durch gewonnenen Bildes ſchon ein geuͤbtes Anſchauungs- und Vorſtellungsver⸗ moͤgen und ſelbſt mathematiſche Kenntniſſe, wie denn uͤberhaupt in dem minera⸗ logiſchen Unterrichte nicht ſelten mathematiſche und phyſikaliſche Lehren zur An⸗ wendung gebracht werden muͤſſen. Die Beſtimmung der Mineralien ihrer Gat⸗ tung und Art nach iſt daher in der Regel weit ſchwieriger, als die der Pflanzen und Thiere. Bei den Gebirgsarten kommen nun noch die vielfachen Modiſica⸗ tionen derſelben Art und die haͤufigen Uebergaͤnge einer Art in eine verwandte hinzu. Dieſe Gruͤnde werden hinreichen, um zu zeigen, wie unpaͤdagogiſch es iſt, den naturgeſchichtlichen Unterricht mit der Mineralogie beginnen zu wollen Vielmehr gehoͤrt dieſelbe, wenn die Vertheilung des Stoffes nach Reichen ge⸗ ſchen ſoll, auf die hoͤchſte Lehrſtufe.

Unter den Thierklaſſen gewaͤhren die Saͤugethiere und Voͤgel dem Auge die deutlichſten und beſtimmteſten Merkmale, und die Unterſcheidung der Gattungen und Arten von verwandten iſt hier am leichteſten. Auf einer je tieferen Stufe der Organiſation ein Thier ſteht, mit deſto mehr Schwierigkeit iſt die Beſtim⸗ mung der Art und Gattung verbunden, deſto leichter ſind Verwechslungen ver⸗ wandter Gegenſtaͤnde moͤglich. Ebenſo verhaͤlt es ſich mit dem Pflanzenreiche. Auch hier gehoͤren die unvollkommenſten Familien zu den ſchwierigſten Pflanzen⸗ abtheilungen. Je einfacher und unvollkommener ein Naturkoͤrper iſt, deſto we⸗ niger beſtunmt und deutlich ſind, wenigſtens fuͤr das unbewaffnete Auge, die Merkmale und Theile ausgepraͤgt, deſto weniger klar fallen ſie in die Sinne; ihr Bau iſt gewoͤhnlich feiner, die Theile ſind kleiner und zarter, erfordern daher eine aufmerkſamere Betrachtung und nicht ſelten den Gebrauch der Lupe oder des Mikroſcops.

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