Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 2. Teil
Entstehung
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beſten ſammeln und aufbewahren, am leichteſten in der Natur ſelbſt, in ihrem Leben und auf ihren verſchiedenen Entwicklungsſtufen beobachten. Von der In⸗ ſektenwelt ſehen wir Blick und Aufmerkſamkeit des Knaben ſchon im zarten Alter angezogen, durch Schmetterlinge und Kaͤfer ſchon fruͤhe ſeinen Beobachtungstrieb und Sammelgeiſt und ſeine Wißbegierde angeregt, ſo daß alſo dieſer Theil der Zoologie vor allen den Neigungen des Knabenalters entſpricht. Auch gibt es keinen Theil der Naturgeſchichte, welcher dem Jugendunterrichte ſo mannichfache und ſo intereſſante Seiten der Betrachtung darboͤte, als die Lehre von den In⸗ ſekten. An Mannichfaltigkeit und wunderbarer Einrichtung der Organe, an Fein⸗ heit, Regelmaͤßigkeit und Schoͤnheit der Bildungen, an Glanz und Pracht des Farbenſchmuckes uͤbertreffen die Inſekten alle uͤbrigen Geſchoͤpfe 1). Hier enthuͤl⸗ len ſich dem bewaffneten Auge die groͤßten Wunder, hier zeigen ſich uns die merk⸗ wuͤrdigſteu Erſcheinungen des thieriſchen Lebens, die erſtaunenswertheſten Natur⸗ triebe, die wundervollſten Werke des thieriſchen Inſtinktes, die augenſcheinlichſte Uebereinſtimmung zwiſchen Organiſation und Lebensbeduͤrfniſſen des Thieres. Keine Thierklaſſe iſt ſo recht geeignet, den denkenden und fuͤhlenden Menſchen vom Geſchoͤpfe zum Schoͤpfer zu fuͤhren, und ſeine Seele von der aͤußeren, ſinn⸗ lichen Erſcheinung in das Reich der Ideen zu erheben, als die haͤufig ſo verach⸗ teten, mit dem Namen Ungeziffer gebrandmarkten Inſekten. Keine andere Thier⸗ klaſſe wirkt aber auch ſo mannichfaltig auf die Geſchoͤpfe der uͤbrigen Klaſſen und die Erzeugniſſe des Gewaͤchsreiches ein; keine iſt von ſo bedeutungsvoller Wichtigkeit fuͤr die Erhaltung der ganzen organiſchen Schoͤpfung; keine ſteht in ſo enger, wenn auch nicht immer unmittelbarer, doch mittelbarer Verbindung mit den Beduͤrfniſſen und dem Leben des Menſchen. So iſt alſo die Entomo⸗ logie in jeder Beziehung der Kenntniß des Gebildeten wuͤrdig und ein nothwendiges Glied des naturgeſchichtlichen Jugend⸗ unterrichts. Sie in den Hintergrund ſtellen, mit einer kurzen Ueberſicht als Einleitung abfertigen, oder ganz aus dem Unterrichte verbannen wollen, heißt den Zweck des naturgeſchichtlichen Unterrichtes gaͤnzlich verkennen, und kann nur die Folge von Unbekanntſchaft mit dieſem ſo intereſſanten Theile der thieriſchen choͤpfung ſein.

Nebſt der Entumologi⸗ ſollte Botanik einen Haupttheil des naturgeſchicht⸗ lichen Schulunterrichts abgeben. Die Kraͤuterlehre nennt J. Straut» eine un⸗ erſchoͤpfliche, ruhige, ewig gebende, mit weichen Bluͤthenketten an die Natur knuͤpfende Wiſſenſchaft. Tant que j'herboise; ſagt J. J. Rousseau, je ne suis pas malheureux. Dieſer harmloͤſen Beſchaͤftigung verdankte der als Paͤda⸗

1) Gibbon ſchließt die Beſchreibung der Sophienkirche zu Conſtantinopel mit den Worten: Aber wie gering iſt alle dieſe Kunſt, wie uunbedeutend die Arbeit in Vergleich mit der Conſtruction des geringſten Inſektes, welches an dieſem Tempel kriecht.