Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht in den unteren Klassen der Gelehrten-Schulen oder auf Pädagogien und Progymnasien : 2. Teil
Entstehung
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auch von dem Streben nach Wiſſenſchaftlichkeit und Gruͤndlichkeit beſtimmen. Wie oft ſtehen nicht die Anforderungen der Wiſſenſchaft auch in der Naturkunde mit denen der Paͤdagogik und Didaktik in Widerſpruch! Nicht Alles, was als Bereicherung und Vervollkommnung der Wiſſenſchaft zu betrachten iſt, hat darum auch fuͤr den Jugendunterricht, zumal auf den niederen Stufen, Werth und Taug⸗ lichkeit. Ja Vieles, was dem erſten Anſcheine nach als wahre Bereicherung der Wiſſenſchaft erſcheint, beruht auf einſeitigen oder ungruͤndlichen Beobachtuugen oder gar hauptſaͤchlich auf Speculation, und muß ſich erſt durch vielfaͤltige Er⸗ fahrung und Anwendung als wahr und practiſch bewaͤhren. Nicht immer iſt das Neueſte auch fuͤr den Jugendunterricht am geeignetſten; vielmehr gibt es unter den aͤlteren Beſchreibungen, Eintheilungen, Anſichten und Hypotheſen viele, welche, wenn auch in Ruͤckſicht auf Gruͤndlichkeit und Wiſſenſchaftlichkeit nachſtehend, doch an Faßlichkeit und Brauchbarkeit fuͤr den Unterricht vor neueren den Vorzug behaupten. Ich erinnere hier nur an ſo viele neuere Verſuche in Bildung von Claſſen, Ordnungen, Familien und Geſchlechtern, an die vielfachen Zerfaͤllungen der Linne'ſchen Genera, zumal in der Entomologie und Botanik, an die Bildung ſo vieler neuen Pflanzen⸗Species aus Formen, welche fruͤher fuͤr bloße Raritaͤten einer und derſelben Species angeſehen wurden und als ſolche noch immer bei vielen ausgezeichneten Botanikern gelten. Unter den neueren Lehrbuͤchern der Naturgeſchichte ſind viele gerade wegen jenes uͤbertriebenen Strebens nach dem Neuen und Wiſſenſchaftlichen fuͤr den Jugendunterricht, zumal auf der Bildungs⸗ ſtufe der niederen Gelehrtenſchule, durchaus unbrauchbar.

So verſchieden der Zweck iſt, welchen ſich die Lehrer der Naturkunde bei ih rem Unterrichte vorſetzen, ebenſo verſchieden ſind die Principien, nach welchen ſie die Auswahl des Lehrſtoffes treffen. Daher heben einige vorzugsweiſe das Nuͤtzliche und Schaͤdliche, wie die Hausthiere, die Culturgewaͤchſe, die Giftpflan⸗ zen, hervor; andere machen hauptſächlich das Unterhaltende und Ergoͤtzliche, wie die Merkwuͤrdigkeiten fremder Zonen und Laͤnder, zum Gegenſtande ihres Unter⸗ richts. Die Naturſchaͤtze der Heimath werden in der Regel als etwas Gemeines, Alltaͤgliches und Bekanntes entweder ganz vernachlaͤſſigt, oder hoͤchſtens eilt man fuͤchtig daruͤber hinweg. Und doch iſt gerade das, was ſich dem Auge des Schuͤlers taͤglich auf ſeinen Spaziergaͤngen darbietet und taͤglich ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich lenkt, was der Menſch taͤglich gebraucht, und wogegen er taͤglich ſich zu ſchuͤtzen hat, am geeignetſten, die Geiſteskraͤfte der Jugend auf mannich⸗ fache Weiſe zu uͤben und zu bilden, ſie zu gruͤndlichen Kenntniſſen zu fuͤhren, ihren Beobachtungs⸗ und Forſchungsgeiſt anzuregen und ihr jenen Sinn fuͤr die Natur einzufloͤßen, welcher ſie befaͤhigt, die Naturſtudien ſpaͤter ſelbſtſtaͤndig und wiſſenſchaftlich fortzuſetzen, und ſie wahrhaft wirkſam und practiſch, wie fuͤr Geiſt und Gemuͤth, ſo fuͤr das Leben zu machen. Eine genuͤgende Kenntniß der ausländiſchen Naturprodukte iſt ohne eine durch Anſchauung erworbene Kennt⸗ niß der inlaͤndiſchen gar nicht moͤglich. Erſt durch die Bekanntſchaft mit den