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die Schätze an das Tageslicht zu fördern meint. Er versteht sich allein. Nur was allen gemeinsam, das soll er bilden; denn der wahre Künstler ist der, welcher die Natur von allem Zufälligen säubernd, ihr ewig Gültiges und Notwendiges in festen Normen hinstellt. 80 schafft auch der Volksgeist, die lebendige Abstraktion der zahllosen Individuen, die in ihm, ihrer Besonderheiten sich entäuszernd, selbstlos aufgehen und indem sie das Gleiche dem Gleichen gesellen, jene Naturkraft bewähren, die an das Elementarische grenzt.
So setzen wir der Instrumentalmusik ihre Grenzen: Wo in einem Werke der Ver- lauf der Gefühlsstimmung in sich klar und allen verständlich sich entwickelt, da stimmen wir ein in das Lob dieser Kunst; selbst Gervinus redet ihr das Wort, so lange sie in diesen Grenzen bpleibt.„Aber wie trüglich ist diese Grenze“, ruft er mit Recht,„in einem so äthe- risch verschwimmenden Elemente wie die Tonwelt ist!“
Auch die Instrumentalmusik ist somit als nachahmende Kunst dargetan. Sie ist es in ihrem Ursprunge wie in ihrem Wesen. Wäre sie nicht nachahmend, wo bliebe dann auch ihr ästhetischer Wert?„Wo kein Naturvorbild der Nachahmung ist“, sagt Gervinus,„da ist auch eine objektive Wertschätzung, eine künstlerische Kritik nicht möglich; wo keine Ver- gleichung wirklicher Dinge gegeben ist, da ist auch ein Ideal nicht möglich; ohme das eine und das andere aber ist eine wahre Kunst und ein wahres Kunstwerk eben so wenig möxglich.“ Also nur sofern die Musik nachahmt, interessirt sie die Aesthetik; und wenn wir bisher von Instrumentalmusik redeten, so hatten wir nur solche Werke im Auge, welche aus der Poesie als aus ihrem Lebensäther sogen. Nun fällt es aber schon dem alten Aristoteles nicht ent- fernt ein, alle und jede Spielmusik nachahmend zu nennen. In der schon erwähnten Stelle aus der Poetik nennt er die Flöten- und Kitharmusik nur„grösztenteils“ nachahmend. Ueber- weg versteht unter den ausgeschlossenen Arten die Musik, welche,„obwol sie auch eine Nachbildung(den Ausdruck von Gefühlen und Begehrungen) enthält, doch vorwiegend gewissen praktischen Zwecken dient, z. B. der Anregung von Kampflust.“ Ueberweg befindet sich offenbar auf der falschen Fährte, gerade hier ist die Musik vor allem nachahmend. Wir müssen vielmehr, wie auch andere Ausleger diese Stelle verstanden haben, diejenige Musik darunter verstehen, die der Uebung und Schule diente. Auch wir haben eine Instrumental- musik, die, nichts weniger als nachahmend und somit ästhetisch. lediglich der Uebung oder Schaustellung der technischen Fertigkeit bestimmt ist. Es fragt sich nur, wo die Nachahmung beginne, wo sie aufhöre. Sollen wir z. B. unsere Fuge eine Nachahmung nennen? An und für sich hat diese Form ebensowenig wie die eigentliche Etude mit der Nachahmung in unserem Sinne etwas gemein. Wir haben hier ein spezifisch musikalisch-technisches, archi- tektonisches Gebilde vor uns. Freilich ist damit nicht ausgeschlossen, dass ein solches Werk einen Empfindungsgehalt haben könne, das Thema kann vielmehr in der prägnantesten Weise eine Stimmung ausdrücken, und auch im weiteren Verlaufe kann die musikalische Entwick- lung diese Stimmung im mannigfaltigsten Lichte„oscilliren“ lassen. Im groszen und ganzen aber wird hier das Poetische auf Kosten des Formal-Technischen unterdrückt, und nur in


