Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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wiegenden Ausbildung des Technischen ein Niedergang der Kunst zu verzeichnen sei. Der Gipfelpunkt der griechischen Plastik ist nicht Praxiteles, sondern Phidias. Sollte es in der Musik anders sein? Wir sind so weit entfernt, der reinen Instrumentalmusik überhaupt ihre Berechtigung abzusprechen, dass wir in ihr vielmehr eine der reizvollsten Unterhaltungen sehen, die nicht nur die Phantasie durch den sinnlichen Reiz ihrer Architektonik und Melodie, sondern auch dem Gemüte durch ihren Empfindungsgehalt, der in siezeinströmt und einströmen muss, wenn anders sie eine Nachahmung des Gesanges ist, die woltätigste und heilsamste Anregung zu geben, die Harmonie der Gemütskräfte durch An- und Abspannung in uns her- zustellen wie kaum eine andere Kunst geeignet ist. Da sie aber einmal eine Nachahmung des Gesanges ist, so soll sie dessen auch stets eingedenk sein und nie ihr Nachahmungsobjekt aus den Augen verlieren. Die älteren Meister der Instrumentalkunst suchten noch eine Ehre darin, wie Gervinus sagt,im Spiele zu singen. Treffend charakterisirt Richard Wagner den Untergang der Melodie und deren allmähliche Zerstückelung in der Instrumentalmusik: Mozart begann in seinen symphonischen Werken noch mit der ganzen Melodie, die er, wie zum Spiele, kontrapunktisch in immer kleinere Teile zerlegte; Beethovens eigentümlichstes Schaffen begann mit diesen zerlegten Stücken, aus denen er vor unsern Augen immer reichere und stolzere Gebäude errichtete; Berlioz aber erfreute sich an der krausen Verwirrung, zu der er jene Stücke immer bunter durch einander schüttelte. Wie Berlioz, so machen es fast durchweg die Neuesten.

Die Grenzen der Instrumentalmusik sind allein in der Weise zu ziehen, wie sie der klarste aller Musikästhetiker, Gervinus, gezogen hat. Er sagt:Was über die Grundgefühls- stimmungen in Freud und Leid nicht wesentlich hinausgeht, das ist die blosze Spielkunst sehr wol im Stande nicht allein in allgemeinen Umrissen su entwerfen, sondern höchst mannig- faltig in stärkerem oder schwächerem Lichte oscilliren, in Flut und Ebbe wechseln zu lassen. Welche Entwicklung aber hat die Instrumentalmusik neuerdings genommen?.

Durch Beethoven kamen dieIntentionen in die Musik. Die Söhne des neunzehnten Jahrhunderts, von den mächtigen geistigen Bewegungen angesteckt, hatten den Ehrgeiz mehr als Musiker sein zu wollen. Diese titanischen Ringer von nur zu oft eingebildeter Gedanken- tiefe und Zerrissenheit suchten, da ihnen die Natur die Feder und den Pinsel nicht in die Hand gegeben, und sie doch Zeugen ihrer dämonischen Natur haben mussten, das was in ihnen unklar gährte, in Tönen der staunenden Menge zu offenbaren, die von jeher krampf- hafte Anstrengung und Verzerrung für Kraft und Kettengerassel für Freiheit genommen hat. Die bestehenden und allgemein verständlichen Ausdrucksformen genügten diesen Giganten nicht, denen eine Welt zu eng war, sie setzten sich hinweg über alle Gesetzmäszigkeit, und indem sie ihre Bande brachen, lösten sie den Gürtel der Schönheit. Zuletzt verlieszen sie ganz den heimatlichen Boden und schwammen immer weiter hinaus in das Meer der Laune und Willkür. Die Kunst soll allgemein verständlich sein, das kann sie aber nur, wenn sie objektiv ist. Wehe dem Künstler, der aus seinem eigenen, noch so reich bewegten Innern