Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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Weise das sanfte Wogen des Meeres. ¹) Wir sehen gleichsam mit dem Auge des Ohres den geglätteten, von günstigem Winde nur leicht bewegten Meeresspiegel, auf dem bald in sanftem Schaukeln das Schiff der absegelnden Griechen dem heimatlichen Gestade zueilt. Und so ideal und fern von jeder aufdringlichen Realistik ist diese Nachahmung der urewigen Meeres- melodie, dass über diesen plastischen Figuren des Orchesters von den Geigen ausgeführt die Melodie des Soprans schwebt, wie die Scheidenden auf schaukelnder Woge.

Zu solcher Ausdrucksfähigkeit vermag sich das Orchester nur durch die Verbindung mit der Poesie, dem gesungenen Worte zu erheben. Für sich betrachtet gibt die Orchester- partie, wenn überhaupt selbständig melodisirt und harmonisirt, nur das vage abstrakte Bild eines wenn auch noch so reichen und gesteigerten Gefühlslebens. Nur in dem Zusammen- wirken beider Kunstarten hat die Musik das Gröszte geschaffen, was ihr zu schaffen war. Das zugleich seelisch Ueberwältigende und phantasievoll Ergötzende, das in sinnlicher Schönheit verkörperte Bild der Idee, geht nur aus ihrer Dmarmung hervor. Und so schlieszen wir diese Betrachtung mit den Worten des wackern Purcel, des Vorgängers und älteren Zeitgenossen Händels, des gröszten unter den Groszen, wenn wir ihn aus dem Gesichtspunkte dieser Universalität beurteilen:Wenn sich Musik und Poesie verbinden, so fehlt nichts zur Vollendung, und es ist, wie wenn Witz und Schönheit in ein und derselben Person erscheinen.

Wir gehen nun zur Betrachtung der reinen Instrumentalmusik über. Sie hat den- selben Entwicklungsgang genommen bei den Alten wie bei den Neueren. Anfangs begleitend, hat sie sich erst spät stark genug gefühlt zu der selbständigen Rolle, die sie im Guten und Schlimmen spielen sollte. Die Zeit ihres Emporblühens und Aufwucherns bezeichnet hier wie dort den Verfall der Kunst. Auch über ihren Wert waren sich die vornehmsten und vorurteilsfreisten unter den Denkern, ja wir können sagen der gesammte Volksgeist im Alter- tume-wie in der Neuzeit einig. Marsyas wird von Apollo geschunden, weil er sich ange- maszt, mit dem Gotte der lyrabegleiteten Gesangeskunst im Wettkampfe auf der Flöte sich zu messen, und Pallas wirft die Flöte weg, weil sie, wie Burney diesen Mythus deutet, ²) nicht zugleich singen und spielen konnte. So lässt auch Raphaels heilige Cäcilie, dem Gesange der Engel lauschend, die Rohre der Orgel ihren Händen entgleiten. Noch zu Platos und Aristoteles' Zeit dachte man gering von der Spielmusik. Des ersteren Worte über die Instru- menfalmusik im zweiten Buche der Gesetze erinnern geradezu an Fontenelles: Sonate, que

¹) Die Musik schmiegt sich noch besser den deutschen als den französischen Textesworten an: dasUne paix douce et profonde règne sur le sein de Ponde gibt der deutsche Uebersetzer ganz im Geiste der Orchesterbegleitung in folgender Weise wieder:Sehet, wie des Meeres Wellen schon von sanften Winden schwellen.

) Aristoteles deutet freilich diesen Mythus anders:Athene, heisst es, erfand sie und warf sie weg, und das aus dem artigen Grunde, weil es sie verdross, dass sie das Gesicht entstellte. Der richtigere Grund ist wol der, dass der Unterricht im Flötenspiele vermöge seiner aufregenden Wirkung, fügen wir hinzu der Geistesbildung nichts bietet; Athene aber ist für uns das Symbol der Wissen- schaft und Kunst(Politik, Buch VIII, cap. 6§. 8, in der Uebersetzung von Stahr).

3*½