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kann nicht vermöge ihrer Einfachheit und Einheit entgegengesetzte Gefühle neben einander zum Ausdrucke bringen. Es muss ihr daher eine Kunst gesellt sein, die sich zum Gesange verhaltend wie die Melodie zum Texte, in mannigfaltigerer Weise jenen Widerhall im Gemüte malerisch veranschaulicht. Ich will mich an einem Beispiele deutlich machen. Man hat es als ein„köstliches Vorrecht“ der Musik gepriesen, dass sie nicht lügen könne. Dieses Vor- recht verliert die Musik, wenn dem Gesange eine Begleitung gesellt ist, die ganz entgegen- gesetzte Bewegungen schildert. Hierdurch wird es der Musik ermöglicht, die Unwahrheit zu sagen; doch als sollte diese idealste und reinste aller Künste nicht mit einem solchen Makel- behaftet sein, straft sie sich gleich selbst Lügen und legt das Geständnis ihrer Unwahrheit ab in dem Augenblicke, wo die Lüge über ihre Lippen kommt. Sie lügt und versteht es nicht. Man denkt sofort an die allbekannte Stelle aus Glucks taurischer Iphigenie, wo der von den Furien gehetzte Orest von der Ruhe singt, die wieder in sein Herz einkehre. Mit Text und Gesang steht in grellem Widerspruche die unruhige und rastlos pochende Beglei- tung der Bratschen in Sechzehntelnoten, in denen die nimmer zu beschwichtigende Stimme des bösen Gewissens mit ihren unaufhörlichen. eintönig grausen Rufen in der Seele des Mutter- mörders nachhallt. Gluck selbst hat uns zum Ueberflusse die Deutung dieser Stelle gegeben. Als man ihn einst auf das vermeintlich Unangemessene der Begleitung aufmerksam machte, rief er in heiligem Eifer: Il ment, il ment, il a tué sa mère! Solche Meisterzüge des musi- kalischen Witzes zeugen mit Flammenzungen von der geistigen Bedeutung dieser Kunst. In derartigen Aufgaben offenbart die begleitende Musik ihre psychische Tiefe. Am höchsten aber entfaltet sie ihre geistige Macht, wo sie in durchaus selbständiger Weise an die Textes- worte tiefsinnige Betrachtungen knüpft, d. h. wo sie den Stimmungsreflex, den eine Begeben- heit oder ein Gedanke in uns hervorruft, in tiefsinniger Weise zum Ausdruck bringt. Von dieser Seite packt uns die denkwürdige Stelle aus Haydus Schöpfung, wo zu den Worten des Herrn„Seid fruchtbar und mehret euch“ das Orchester in den melancholischen Mollschritten gleichsam den Fluch dieser Worte hervorheben will, als ob alles Weh der Kreatur aus diesem Punkte entspringe und auf ihn in tausend Fäden zurücklaufe. Dies ist einer von den Genie- blitzen, mit denen wie instinktiv der Genius uns die geheimnisvolle Werkstätte der Natur beleuchtet. In dem Zusammenwirken von Gesang und Spiel können endlich auch jene Natur- malereien, die an und für sich von geringem Werte sind, geadelt und poetisch verklärt werden. Wie beim Shakespeare die Natur ihre Schatten auf die Schauplätze menschlicher Kämpfe und Leiden wirft, wie hier der Aufruhr der Elemente der Einbildungskraft ein Spiegelbild ist von den Stürmen des Herzens, ähnlich kann auch die Instrumentalmusik den. szenischen Grund malen, auf dem die Empfindungen sich abspielen, sie kann Perspektiven- entwerfen, die elementaren Bewegungen schildern, die zu der Stimmung in irgend welcher- anlässlichen Beziehung stehen. Auch hier möge ein Beispiel statt vieler dienen. Im letzten Finale von Glucks taurischer Iphigenie malt das Orchester zu dem Abschiedschore in sinniger


