Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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Die Frage wird nun die sein, ob die Erscheinung der Partialtöne, wenn auch dem musikalisch gebildeten und geübten Ohre vernehmbar, dem Sinne der Völker mit solcher Deutlichkeit sich aufdringen können, dass diese darin eine Andeutung gehabt hätten, sich dieser Elemente in künstlerischer Absicht zu bemächtigen, und einen Anstosz, zur Nachbildung dieser Verhältnisse durch das Mischen der betreffenden Töne zu schreiten. Wir müssen die Frage ohne Rückhalt verneinen. Nicht auf diesem Wege haben wir ein Naturschönes für die Harmonie zu suchen. Die historische Forschung zeigt uns vielmehr, dass die Harmonie in anderer Weise auf empirischem Wege gewonnen sei, durch die Polyphonie des Mittelalters, die, einer gelehrt-scholastischen Grille entsprungen, in ihrer künstlichen Führung mehrerer gleichzeitig ertönender Stimmen an gewissen Kreuzungs- und Knotenpunkten dem Ohre wol- tuende Tonverbindungen entgegenbrachte, die dann die künstlerische Phantasie sich aneignete. Und einer ganz ähnlichen Beobachtung ¹) mag auch der älteste mehrstimmige diaphone Volksgesang seine Entstehung verdanken, der uns in Northumbrien und Wales schon im zwölften Jahrhundert bezeugt ist, dort zweistimmiger, hier vielstimmiger. Dem Gefallen an diesem symphonischen Zusammenklange liegt aber jedenfalls das unbewusste Erfassen der Verwandtschaft der betreffenden Töne von Seiten der Empfindung zu Grunde. Wir mögen also immerhin das harmonische Prinzip ein freigewähltes nennen; wir tun dies mit demselben Rechte, mit dem wir überhaupt von Freiheit in diesem Sinne reden.

Die Harmonie ist nach Vischerein verstärkter, vermannigfaltigter Ausdruck. Wie die Harmonie nicht einen einzelnen Ton, sondern mehr oder weniger mit ihm verwandte Töne aufbietet, so antwortet in unserem Innern auf ihren Ruf nicht ein einfaches, sondern ein vermannigfaltigtes Echo.Bei allen groszen und tiefen Gemütsbewegungen, sagt Ger- vinus an anderer Stelle, wo er von der begleitenden Musik redet,schwingen dem Haupt- affekte andere Nebengefühle zur Seite oder zittern im dunkleren Hintergrunde zartere Regungen in unendlich bewegender Kraft nach, wie wenn in dem Naturtone der Empfindung selber feinere Begleittöne ebenso wie in den gesungenen und gespielten Tönen zu vernehmen seien. Diese Worte passen ganz auf das Verhältnis harmonischer Töne. Wie sich die Harmonie zu der Melodie, so verhält sich die Begleitung zum Gesange. Ungleich reicher als in der nackten Melodie finden die Empfindungen des Innern in der begleitenden Sprache des Orchesters ihre sinnliche Verkörperung. Die Melodie, wie frei sie sich ergehe, kann nur eine einzelne Stimmung für sich geben, sie kann aber nicht, mit Vischer zu reden,den ganzen Umkreis der Gemütsbewegungen, welche durch sie mit hervorgerufen werden, sie

¹) Ambros, Gesch. d. Mus. I, S. 456. 57:Die Erfahrung von dem Zusammenklingen des Grundtons und der Quinte oder vom Grundton, Terz und Quinte haben die Griechen gemacht. Der Platoniker Aelianus spricht in seinem Kommentar zum Timäus zweifellos von einem Akkord.Ein Zusammenklang, eine Symphonie, sagt er,ist die gleichzeitige Setzung und Mischung zweier oder mehrerer Töne von ver- schiedener Tiefe und Höhe. Allein von einer solchen empirischen Wahrnehmung ist es, wie auch

Fétis ganz richtig bemerkt, noch ein sehr weiter Weg bis zum Besitz eines ausgebildeten harmonischen Systems.

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