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aus der Begleitung der Tanzgebärde her. Wo bringen aber nun die neueren Aesthetiker, die die„reine“ Instrumentalmusik als„vorbildlose“, in sich selbst fertige Kunst auf den Gipfel alles musikalischen Schaffens stellen, diejenige Musik unter, die nicht Worte, sondern Hand- lungen begleitet, wozu ich Tanz und Marsch auch in ihrer weiteren Ausbildung rechne, die sie in der Suite und Sonate gefunden? Wenn sie in solchen Sätzen die Reinheit der Instrumentalmusik behaupten, so verhöhnen sie jede historische Betrachtungsweise.
Wir haben bis jetzt einen der wichtigsten Faktoren unserer modernen Musik, den der Harmonie, absichtlich nicht berührt— weit entfernt von dem Standpunkte eines Rousseau und der orientalischen Völker, die in der Harmonie eine Barbarei sehen. Allein wir konnten dieses Begriffs füglich entraten, wo es sich um eine Betrachtung des Wesens der Melodie handelte. Indes die Untersuchung über die Instrumentalmusik und eines ihrer wesentlichsten Vermögen, fordert wenigstens, dass wir dieser Frage einige Aufmerksamkeit schenken. Wenn wir auch jetzt kurz darüber hinweggehen, so geschieht es lediglich aus dem Grunde, weil diese Materie nur einigermaszen erschöpfend zu behandeln, eine Abhandlung für sich in An- spruch nehmen müsste.
Hier sei nur die Frage aufgeworfen, ob wir die harmonische Kunst, diese wesentlich moderne Schöpfung, mit Helmholtz für ein freigewähltes Stilprincip halten müssen, und inwiefern sie trotzdem ihr Vorbild in der Natur habe. Ihre Elemente sind in der Natur gegeben, in der bekannten Erscheinung der Partialtöne, d. i. dem Mitklingen von Begleittönen beim Angeben eines Tones, z. B. auf einer Saite. Vom Standpunkte der Physiologie aus, welche der unbewussten Mathematik bei der Schöpfung des harmonischen Stilprinzips ihre Rolle zuweist, ist nun freilich Ursprung und Wesen aller Harmonie auf diese Erscheinung zurückzuführen. Der Physiker und Physiologe sieht sogar in den musikalischen Klängen an sich schon Akkorde von Partialtönen;„die bewusste Wahrnehmung des gewöhnlichen Lebens“, sagt Helmholtz,„beschränkt sich darauf, den Klang, dem sie angehören, als Ganzes aufzu- fassen, etwa wie wir den Geschmack einer zusammengesetzten Speise als Ganzes auffassen, ohne uns klar zu machen, wie viel davon dem Salze, dem Pfeffer oder andern Gewürzen und Zutaten angehört.“ Beide, die antike wie die moderne Harmonie, werden durchgängig beherrscht von dem Prinzipe der Tonalität, d. h. der Verwandtschaft aller ihrer Töne und Tonverbindungen mit einem Grundtone, der Tonika, und diese Verwandtschaft zwischen ver- schiedenen Tönen beruht, wie die physikalische Forschung nachgewiesen hat, auf der Gemein- samkeit von Partialtönen. Man hat oft die antike Harmonie, welche im wesentlichen mit unserer Melodie identisch ist, mit einer horizontalen, die moderne mit einer vertikalen Kette verglichen, und sofern die Glieder dieser Kette in einer durchgängigen, man möchte sagen organischen Beziehung zu einander stehen, sagt dieser Vergleich ungefähr dasselbe. ¹)
¹) Helmholtz gibt diesem Prinzip der Tonalität, dem Grundprinzipe für die Entwicklung des europäischen Tonsystems, wie er es nennt, folgende Fassung: Die ganze Masse der Töne und Harmonieverbindungen sind in enge und stets deutliche Verwandtschaft zu einer frei gewühlten Tonika zu setzen, aus dieser muss sich die Tonmasse des ganzen Satzes entwickeln und in sie wieder zurücklaufen.


