Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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der geistigen und der sinnlichen, ist das Erstrebenswerte. Wie der leere, sinnlich-formale Reiz einer italienischen Opernarie dem Komponisten den Vorwurf nicht ersparen wird, den Goethe ihm macht, dem Texte, da doch der Gesang einmal einen Text haben müsse, nicht genug getan zu haben, so läuft sein Gegenfüszler, der die Töne allein und sklavisch dem Ausdrucke der Empfindung dienstbar macht, Gefahr, an unmittelbarer Wirkung auf das Gemüt einzubüszen. Der wahre Stil ist, der dem Auszudrückenden gerecht wird und doch frei über dem Materiale schwebt, diesiegende Form. Wenn aber eines zu opfern wäre, die Tiefe des psychischen Ausdrucks oder der formale Reiz des Wolklangs, dann ist so gewisslich zu jener zu halten, wie das Wesen höher steht als der Schein, wie der Kern höher im Werte als die Schale. Dann denken wir mit Gluck: Lasst den Italienern ihren Ruhm, durch sinn- liche Schönheit die Phantasie zu berücken, wir lieben und üben eine Kunst, die im Stande istBlut zu ziehen. Doch wol uns und der totalen, ungeteilten Menschheit in uns, dass uns eine solche Gewissensfrage erspart bleibt, dass wir in der Verschmelzung und Durchdringung jener beiden Seiten unseres Gemütes kein Ideal mehr sehen müssen, dass sie in voller, blühender Wirklichkeit vor uns steht in dem Auserlesensten und Besten, was die gröszten Meister geschaffen.

Die Instrumentalmusik.

Alle Musik war ursprünglich Gesang, das Instrumentalspiel konnte naturgemäsz erst später sich entwickeln; es ist, dies müssen wir immer festhalten, seinem Wesen wie seinem Ursprunge nach eine Nachahmung des Gesangs. Wenn, seitdem zuerst die Techmik dus tote Material der künstlerischen Phantasie dienstbar gemacht, Kithara und Flôte oder weit primi- tivere Instrumente, den Gesang der Stimme homophon begleiteten, seinen Eindruck eindring- lich verstärkend; wenn die Leidtragenden, die Opfernden, die zur Schlacht ausziehenden Krieger, die Chre, die zur Friedens- und Hochzeitsfeier den Reigen schlangen, der Mühe des Selbstmusizirens überhoben zu sein, dieses dem gefügigen Instrumente überlieszen, welches wol auch hier erst lange Zeit zur sinnlichen Verstärkung den Wortgesung hatte begleiten müssen, bis es die Stimme selbständig ablöste so haben wir auf diesen beiden Wegen die Entwicklung der instrumentalen Kunst als begleitender einerseits, als selbständiger anderseits zu verfolgen. Richard Wagner, welcher dem Orchester unter anderem die Aufgabe zuweist, das in der Wortsprache Unaussprechliche der Gebärde so an das Gehör mitzuteilen, wie die Gebärde selbst es an das Auge kundgibt, leitet diese seine Ausdrucksfähigkeit lediglich