Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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empfindungserfülltem mit Fug ergötzen mag. Doch verlassen wir diesen Gegenstand, der uns späterhin noch bei der Betrachtung der Instrumentalmusik beschäftigen wird. Wir sprachen vom Volksliede und dem Wesen seiner Melodie. Kind, der Dichter desFreischütz, meinte immer, er habe die Melodie seines Brautjungfernchors komponirt, man brauche die Worte nur richtig zu sprechen, und die Melodie sei fertig. Dies enthält richtig verstanden eine ganze Aesthetik. Ich weisz nicht, wer den Ausdruckphosphoresciren zuerst von der Melodie gebraucht hat. Hier findet er seine volle Anwendung, und wir können fast sagen, dass eine andere Melodié jenes Liedes gar nicht denkbar sei, dass sie in dem eigentümlichen Rhythmus und Wortfall der Verse bereits in ihren Umrissen vorliege. Nicht allen Volks- liedern freilich passt die Melodie so wie auf den Leib geschnitten; den psychischen Charakter und die Stimmung, aus der sie geschaffen sind, geben sie in ihrer Melodie wol alle wieder. Mehr noch als das Volkslied zeigt das Rezitativ eine durchaus geistige Natur. Hier wird die freie Tätigkeit der Phantasie ganz in den Hintergrund zurückgedrängt, dieser Sprech- gesang basirt ganz auf der strengsten Nachahmung des Wortakzentes. Es fragt sich nur, ob wir in dieser Kunstart das Ideal der Gesangmusik zu erblicken haben. Seine Erfinder, die Florentiner, von der kontrapunktischen Kunst des Mittelalters unbefriedigt und angeekelt, wollten die Musik im hellenischen Sinne wiedererwecken, die ja, ganz im Dienste der Poesie, durchaus auf den Akzenten der Rede beruhte; man sah in dieser ausdrucksvollen tönenden Deklamation das Ideal, eine Richtung, die sich bis auf Wagner herab durch die Musikge- schichte hindurchzieht. Der Kampf der Gluckisten und Piccinisten ist ein Kampf um dic Frage, ob die Musik der Rede oder die Rede der Musik dienen müsse. Wir können diesen Kampf beider Richtungen auch bezeichnen als einen Streit des Geistigen mit dem Sinnlichen um den Vorrang. Es handelt sich darum, ob die Melodie einzierliches Gehäuse, ¹) ein Kunstwerk für sich sei, das auch abgelöst von dem Wortinhalte einen selbständigen Wert behaupte, oder ob sie, mit Gervinus zu reden, in ihrem ersten Entstehen, wie in ihrer letzten Ausbildung die Verkörperung eines geistigen Inhalts sei, obdie Wirkung jedes gelungenen Tonstückes auf den wolklingenden Tönen an sich beruhe oderauf dem bestimmten psy- chischen Charakter, aus dem und für den es geschaffen ward. Der Streit lässt sich nur schlichten, indem wir, uns jeder Parteistellung enthaltend, beide Seiten zu vermitteln suchen. Wie hoch wir auch immer den psychischen Charakter auschlagen müssen, auch die Sinnlich- keit verlangt ihr Recht. Sie ist der Liebensäther aller Kunst. Alle Künste, selbst die geistigste, die Poesie, wirken durch Sinnlichkeit.Das Gefühl, wie ein Richard Wagner bemerkt, kann sich nur der Fülle des sinnlichen Ausdrucks gegenüber zur Teilnahme anlassen. Die Melodie, wie sie das Rezitativ oder alle vorwiegend deklamatorische Musik bietet, ist in ihrem Wesen unfrei: hier ist, wie Schiller sagt, der Stoff nicht durch die Form getilgt, von der nach desselben Ausspruch allein wahre ästhetische Freiheit zu erwarten ist. Die Form aber ist ein Produkt der sinnlich schaffenden Phantasie. Eine Durchdringung beider Seiten,

¹) Gervinus.