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für das Innere da ist, mit diesem Inhalt zu spielen.“ Auf der andern Seite machen es Gedichte von vorwiegend witzigem Inhalte der Musik unmöglich, ihnen einen Empfindungsgehalt abzu. gewinnen, sie bewegen sich durchaus auf dem Boden des bewusst Geistigen; aus eben dem Grunde sind komische Wirkungen der Musik unmöglich, man müsste denn Verzerrung und Hässlichkeit für komisch halten. Hundert Epigramme, sagt ein alter Spruch, reizen Melpo- mene nicht zum Singen.
Das Wesen der Melodie lässt sich am einfachsten und deutlichsten im Volksliede erkennen, wie in allen Gesängen, die im Geiste desselben geschaffen sind. Die Melodie lauscht hier dem Gedichte ab, wie es zur Empfindung spricht, und ohne im einzelnen den Uebergängen und Wendungen der Dichtung zu folgen, verdichtet sie in freiem Weben der Phantasie deren Gefühlsinhalt zu einem Schleier, der das Ganze duftig umschlieszt. Die Musik kann nicht erzählen, das überlässt sie dem Worte, welches in bestimmtem Ausdruck das, was es zu sagen hat, berichtet; den Widerhall aber, den die Begebenheit oder Vorstellung im Herzen findet, nimmt sie für sich als das ihr eigene Objekt der Gestaltung. Nur am Worte kann sie dies. Nur am Worte auch vermag sie uns tiefer zu ergreifen, denn wir wollen wissen, was uns zu Lust oder Schmerz stimmt; sich freuen oder trauern ohne einen greiflichen Anlass ist dem Vernünftigen ein Unding. Die Instrumentalmusik kann wol, nach- dem sie durch Jahrhunderte hindurch den Wortgesang begleitend ihre Vermögen allseitig entwickelt hat, auch abgelöst vom Worte, als„reine“ Kunst, die beiden Grundgefühle im Auf- und Anschwellen, in ihrem sich Durchkreuzen und Mischen höchst reizvoll ausmalen; sie kann uns in süsze Träumerei versenken oder unser Sein zu erhobener, gesteigerter Be- wegung anspannen. Dann aber ist dies ein Genuss, der auf eine Linie zu setzen ist mit dem, welchen wir empfinden, wenn wir uns in die Anschauung der Natur liebevoll und schwär- merisch vertiefen, oder den ein stimmungsvoll gemaltes Landschaftsbild in uns hervorruft, eben so vag und dämmerig, eben so„geistlos“. Nimmermehr offenbaren diese Tonformen Geist dem Geiste, und wenn es uns ein Hanslik tausendmal versicherte. Und wenn es auch wahr ist, was Carrière sagt, dass, wie auf der hallenden Glasscheibe, die Anschauungsbilder der Seele auf den Wogen der Töne hervortauchen, und unsere Gedanken durch die Stimmung, in welche uns die Musik versetzt, eine eigene Richtung, einen Anstosz freier Fortentwicklung erhalten, so ist doch damit nichts anderes gesagt, als dass wir uns überhaupt nichts bestimmtes denken, dass unsere Geistestätigkeit über ein Dämmern nirgends hinauskomme.
Eine geistige Bedeutung werden wir also der reinen Instrumentalmusik nicht vindi- ziren können. Damit dürfen wir jedoch nicht so weit gehen, über diese Kunstgattung über- haupt den Stab zu brechen, weil sie den höchsten Anforderungen der Kunst nicht genügt. Ich rede natürlich nur von der ästhetischen, nicht von der technischen Seite dieser Kunst, die nach Gervinus nur in die Schule gehört, wie die ganze Gattung nur in die Kammer, nicht vor die Oeffentlichkeit. Findet der Geist seine Rechnung nicht, so findet sie doch die anschauende und empfindende Phantasie, die sich an dem Tonspiel als solchem und als


