Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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Die ursprünglicheTonsprache konnte nach dem Erwachen der Vernunft dem Menschen nicht genügen, der in den Interjektionen und unartikulirten Empfindungslauten kein Ausdrucksmittel dessen hatte, was ihn als geistiges Wesen bewegte. Als er zugleich mit dem Erwachen der Vernunft die Lautsprache schuf, liesz er die Empfindungsakzente nur als Begleitung des begriffsbezeichnenden Wortes bestehen, damit auch für das, was durch das Wort unaussprechlich in seinem Innern gährte, eine Sprache sei. Vom Worte losgelöst, vermöchte die Fortbildung dieser Akzente, wie reizvoll wir immer sie denken mögen, nur eine Seite des menschlichen Gemüts, die Empfindung, auszusprechen, nicht aber die Vor- stellungen des Geistes. Und so wenig damals der Empfindungslaut seine Selbständigkeit behauptete und zum bloszen Akzente herabgedrückt wurde, so wenig kann der Mensch, der sich als geistiges Wesen erhaben fühlt über jenen Zustand, wo in ihm noch alles in Empfin- dung aufging, in einer Kunst ein Ideal sehen, die nur der Aeuszerung dieser gerecht würde. Mit einem Worte, der Gesang ist nicht eine Nachahmung und Weiterentwicklung des Empfindungslautes, sondern des die Sprache begleitenden Empfindungsakzentes. Nur am Worte hat sich der Gesang entwickelt; abgelöst vom Worte ist er geistlos, wie berückend. auch sonst seine sinnliche Macht sei. Alle Musik im höchsten Sinne verlangt die Vermählung mit dem Worte, Geschichte und Kunstideal weisen gleichmäszig darauf hin. Hier liegt deutlich gezeichnet der Weg vor uns, den wir zu verfolgen haben, wenn es sich um die Wertschätzung beider Künste, des Gesanges und der Spielmusik, handelt.

Die Worte, die wir singend aussprechen, geben eine Vorstellung, die Melodie, in der sie gleichsamphosphoresciren, gibt die Resonanz, die diese Vorstellung im Gemüte findet. Hiermit sind wir gezwungen, die geistige Natur der Melodie anzuerkennen, die durchaus aus den Akzenten der Rede hervorgewachsen sein muss, oder doch, wenn ich mich so ausdrücken darf, aus dem Akzente, der Stimmung des Ganzen.Es ist ein schädliches Vorurteil, sagt Hegel,zu meinen, die Beschaffenheit des Textes sei für den Komponisten eine gleichgültige Sache. Der Komponist kann nicht aus jedem Steine Wasser schlagen. Nur solche Texte werden für ihn ergiebig sein, die einen wirklichen Empfindungsgehalt bergen; die Dichtung muss eine Gemütsbewegung oder doch eine solche Begebenheit darstellen, an der unser Gemüt in Schmerz oder Freude sympathischen Anteil nimmt. Immer also sind es Gemüts- bewegungen, die, um mit Gervinus zu reden, sich selbst deutlich zu werden nur durch Worte, sich voll und ganz ihrer selbst zu entäuszern nur durch Töne vermögen. Empfindungstiefe bei Wortarmut frommt ihm am meisten, denn auch die Phantasie will ihr Recht, und gerade hier kann sie sich in reizvoll sinnigen Bewegungen ergehen, wo nicht die gedrängte Fülle von Bildern oder geistreich zugespitzter Wendungen ihr den Weg verlegt. Sogar die Götheschen Lieder haben von jeher mit wenigen Ausnahmen, trotz ihres reichen und tiefen Empfindungs- gehaltes, den Komponisten Schwierigkeiten gemacht, weil sie in sich schon so stimmungsvoll abgeschlossen und gleichsam musikalisch fertig sind, dass der Musik nur wenig oder nichts

gleichsam kein Raum mehr-

zu tun übrig bleibt,indem nach Hegels treffender Bemerkungg