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nicht ihre eigenen Wege gehen, sondern nur das unternehmen dürfe, was ihr von der Natur vorgezeichnet, von der Natur des Akzentes, in deren Sinne die Nachahmung ihr vorschreibt. Vollkommene und treue Nachahmung erstrebt, wie schon oben bemerkt, die Musik nicht, dies tut keine Kunst. Dass sie dieselbe nicht suchen kann, zeigt schon ihr Material, das eine auch nur annähernd treue Nachahmung unmöglich macht. Hierauf hat Helmholtz mit Recht hingewiesen. Die Musik, sagt er, führe den stufenweisen Fortschritt in der Tonleiter ein, während die meisten leidenschaftlichen Affektionen der Stimme sich gerade durch schleifende Uebergünge der Tonhöhen charakterisiren. Die Naturnachahmung in der Musik sei dadurch in derselben Weise unvollkommen geworden, wie die Nachahmung eines Gemäldes durch Straminstickerei in abgesetzten Quadraten und abgesetzten Farbentönen.
Wir fordern von aller Kunst die Idealität, dass sie die Natur verkläre; wir fordern aber auch von ihr, dass sie die Natur ehre und sich bescheiden ihren Grenzen füge. Um nun aber diesem Idealisirungsprozesse nachzugehen, müssen wir die beiden Reiche der Musik, das vokale und das instrumentale scheiden, schon aus dem Grunde, weil wir in letzterem die Phantasie weit mehr für sich tätig finden als beim Gesange.„Singen und Spielen ist“, wie Vischer sagt,„der populäre, in der Tat höchst treffende Ausdruck für die beiden Musik- arten“. Im Gesange äuszert sich das Gefühl weit unmittelbarer und auschlieszlicher,„die tönebildende Phantasie“ ist sich hier nicht Selbstzweck, sondern in erster Reihe das Medium, das dem„Empfindenden nur als Aeuszerung seiner selbst dient“; im Spiele der Instrumente breitet die Phantasie im freieren, ja freiesten Fluge ihre Schwingen aus, schafft„ausgeführ- tere, selbständigere“ ¹) Formen; die Phantasiebeschäftigung ist hier mindestens eben so sehr, oft fast alleiniger Zweck. Mit welcher Berechtigung, ist freilich eine andere Frage, allein wir reden hier von der Instrumentalkunst, wie sie als das Resultat historischer Entwicklung allen Anspruch auf unsere Beachtung machen darf, abgesehen von ihrem ästhetischen Werte.
Die Vokalmusik.
Zu allen Zeiten haben ernstdenkende Männer von der Kunst verlangt, dass sie sich in Beziehung setze zu den Idealen der Menschheit. Unbefriedigt von„gedankenlosem“ Ge- nieszen wollen sie einen geistigen Grund sehen in aller Kunst. Damit hängt es zusammen, dass sie den Menschen mit seinem geistigen Ringen und sittlichen Kämpfen in den Mittelpunkt alles Kunstschaffens stellen.
¹) Die mit Anführungszeichen versehenen Ausdrücke sind aus Vischers Aesthetik.


