10
haupt, nur in einem uneigentlichen, übertragenen Sinne, und zwar lediglich vermöge eines poetischen Tropus oder einer dynamischen Analogie, wie Hanslik annimmt, was im Grunde auf eins herauskommt, denn zuletzt ist die sinnliche Anschauung, welche diese Analogie wahrnimmt, die Mutter der den Tropus schaffenden Phantasie.
Das Ergebnis ist bis jetzt folgendes: Vollkommene, d. h. bis zur Täuschung gehende Nachahmung gehört als platte, reale Kopie der Natur der Kunst nicht an. Erst mit der Idealisirung der Wirklichkeit beginnt wie alle Kunst, so auch die Musik. Sie vermag die unmusikalischen Klänge der unorganischen Natur, wie die an sich schon musikalischen Töne der Tierwelt mit ihren Mitteln nachzuahmen. Dieses ihr Vermögen ist jedoch, fügen wir hinzu, von jeher als ihr schwächstes anerkannt und fällt auch ausschlieszlich der instrumen- talen Kunst zu. Der vornehmste und den höchsten Geistern allein nachahmungswürdig erscheinende Vorwurf aller Kunst ist der Mensch als geistiges Wesen: in ihm haben wir auch für die Musik das Vorbild zu suchen.
Aus dem Keime des Empfindungsakzentes heraus hat die Musik sich entwickelt, alle ihre wesentlichen Vermögen und Eigenschaften müssen sich also schon in ihren ersten keim- artigen Ansätzen entdecken und aus ihnen ableiten lassen. Schmerz und Freude, Lust und Unlust sind die beiden Pole der Axe, um die sich alles Fühlen und Sehnen bewegt. Es gibt schlechterdings keine einfachen Gefühle als diese beiden, wie es keine gemischten gibt, als die aus ihnen gemischt sind. Es gibt also auch nur Akzente der Lust und Akzente des Schmerzes, in allen Abstufungen und Mischungen der Schattirung, die ein reiches Gefühls- leben seinen Ergüssen verleihet; und wenn hier in dem Wonnejubel der wiedervereinigten Gatten Leonore-Florestan all die nunmehr verblassten Leiden hindurchzittern, wenn dort ¹) in den düstern Schmerz Leonorens die freudigen Aufblitze der erlösungverheiszenden Hoff- nungssterne hineinleuchten, so schildert die Musik nichts, was nicht, wenn auch nur keimartig, in den unmittelbaren Interjektionen und seelischen Gefuhlsausbrüchen des ursprünglichen Menschen, in den Akzenten der Freude, des Schmerzes und der schmerzlich-freudigen Bewe- gungen seinen Widerhall fand. Also Schmerz und Freude sind es, welche die Kunst, seit sie sich in bewusster Absicht auf die Nachahmung und künstlerische Fortbildung der Akzente richtete, nachahmte und musikalisch verklärte, aus einer realistischen in eine idealistische Sphäre sie übertragend. An dieser Verklärung hat die Phantasie gleichen Anteil wie das Gefühl. Die Phantasie schafft in ihrem abstrahirenden und kombinirenden Vermögen die Form, ihr fällt die Gestaltung zu, den Gehalt liefert allein die Empfindung. Diese ist es, welche wir als Nachahmungsobjekt stets und ständig vor Augen haben müssen. Es ist augen- scheinlich, dass der Begriff der Nachahmung so zu erweitern sei, dass er die ganze freie Tätigkeit der schaffenden Phantasie in sich aufnehme, vorausgesetzt dass diese sich in die Grenze füge und nicht eigenmächtig schalte und walte, ohne das Hausrecht zu respektiren. Sie sei stets eingedenk, dass sie auf dem Grund und Boden der Nachahmung stehe, dass sie
1) In der groszen Arie des ersten Aktes.


