Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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einer solchen Nachahmung fähig ist, ist nicht minder einleuchtend. Wenn der Weidmann durch künstliche Tonwerkzeuge die Lockrufe der verschiedensten Tiere zur Täuschung nach- ahmt, so ist die Aehnlichkeit eine direkte und noch dazu eine vollkommene: die Kunst geht diese Nachahmung nicht an. Wenn der Komponist durch Flötentöne den Gesang der Nach- tigall nachahmt, so ist auch hier die Aehnlichkeit eine direkte, aber nicht zugleich eine voll- kommene, denn der Hörer wird die Aehnlichkeit nicht notgedrungen wahrnehmen, oder doch nicht eher, als sie irgendwie hervorgehoben ist ¹), sei es nun dass diese Töne vermöge einer konventionellen Symbolik gerade dieses bedeuten müssen, sei es dass der Worttext ausdrück- lich zu ihrem Verständnisse hinleitet.Auch dann ist sie, wie Twining sagt,nicht immer einleuchtend. Nicht nur musikalische Töne, sondern auch unmusikalische Geräusche hat die Tonkunst vielfach nachzuahmen versucht. So darf sie das Rauschen der Wellen in ihrer dem Ohre so woltuenden rhythmischen Bewegung wol darzustellen sich unterfangen. Beethovens Pastorale und Haydns Schöpfung enthalten allbekannte Belege. Wir nennen solche Nach- ahmung Tonmalerei. Ich will mich bei dieser Frage ein wenig verweilen, um ein Missver- ständnis zu beseitigen, dem man so häufig begegnet, und das meines Wissens Hanslik zuerst angemerkt hat.Mit besonderer Wolweisheit, sagt er,wird uns bei der Frage von der Tonmalerei immer wieder versichert, die Musik könne keineswegs die auszer ihrem Bereich liegende Erscheinung(sichtbare oder unmusikalisch hörbare Gegenstände) selbst malen, son- dern nur das Gefühl, welches dadurch in uns erzeugt wird. Gerade umgekehrt. Das Fallen der Schneeflocken, das Flattern der Vögel, den Aufgang der Sonne kann ich nur dadurch musikalisch malen, dass ich analoge, diesen Phänomenen dynamisch verwandte Gehörsein- drücke hervorbringe. DasGefühl aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende Schnee, der krähende Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist einfach lächerlich. Hanslik führt in der genannten Stelle neben denunmusikalisch hörbaren auch die sichtbaren Gegenstände auf als solche, welche die Musik malen könne. Wir haben oben die musikalische Nachahmung, wenigstens die direkte, nur auf das Hörbare eingeschränkt. Die Frage ist, wie können Gesichtseindrücke musikalisch geschildert werden? Wenn Haydn das Hereinbrechen des Lichtes in einem breiten, glanzvollen Strome von hellrauschenden Akkorden malt, so redet er nur metaphorisch. Das voll und mächtig sich Ergieszen bildet das tertium comparationis. Was der Tonkünstler uns malend vor die Sinne führt, ist die Idee des Rauschens; er muss, wenn auch unbewusst, erst die Vergleichung des einbrechenden Lichtes mit einem heran- rauschenden Strome vollzogen haben, ehe er es malen kann, denn nur dieses Rauschen als Gehörseindruck ist fähig, einer solchen Tonmalerei Objekt zu sein. Der Text komut hier

8) der Deutung zu Hülfe, der übrigens in der Onomatopoesie des hebräischen Wortlautes Wagehi 0r dieselbe musikalische Malerei bietet. Wenn wir also auch das Sichtbare in

den Kreis des direkt Nachahmungsfähigen hereinziehen wollen, so dürfen wir es, wenn über-

¹) Vergl. Twining a. a. O. S. 243.