Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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nieht zu denken, es müsste denn sein in jenem kindlich-naiven Sinne, der sich in der Urpoesie der Völker zeigt, in welchem die Wirkung als Eigenschaft auf das Wirkende übertragen wird. Dass also in der gespannten Saite die Freude wohne, auf den Gedanken konnte wol der noch in der sinnlichen Anschauung befangene Mensch kommen, aber dass er gleich diesen Schatz der ihn erfreuenden Töne zur freien Nachahmung dessen, was in seinem Herzen tönte, verwenden können, ist schlechterdings undenkbar.

Als der Mensch das, was ihn im Innern geheimnisvoll bewegte, in hellem Schmettern seiner Stimme sich selbst und der Natur anvertraute, als er schwelgte im Jauchzen dieser Lust und Leben erweckenden Töne, waren die Anfänge des Gesanges gegeben. Jetzt mochte er auf die gefiederten Sänger des Waldes und der Fluren aufmerken, und sie mussten herbei, ihn zu meistern und zu fördern, als dievon Gott bestallten Sangmeister, um mit Luther 29 reden. Die Modulationen gaben ihre ungefesselte Willkür und Zügellosigkeit auf und fixirten sich zu kunstvolleren Gebilden. Erst diese Stufe musste der Gesang erreicht haben, ehe der Mensch dazu schreiten konnte, auf Saite und Rohr seine Kantilene nachzuahmen und die Stimme durch das Instrument zu ersetzéen. Die Geschichte der griechischen Musik zeigt uns in der Tat eine verhältnismäszig späte Ausbildung des Instrumentalspiels. Anfänglich dienten die Tonwerkzeuge, Flöte und Kithar nur dazu, den Gesang der menschlichen Stimme zu regeln und gleichstimmig zu verstärken; bis die Begleitung durch Archilochos eine freiere wurde, bis das Tetrachord des Orpheus durch Terpander zum Heptachord erweitert wurde, bedurfte es geraumer Zeit. Dieselbe Aufgabe hatte anfangs das Orgelspiel, und die ältesten uns bekannten Instrumentalstücke, die Orgelsätze des Nürnbergers Konrad Baumann aus dem fünfzehnten Jahrhundert, sind übertragene Lieder: die kirchliche Polyphonie schloss alle Instru- mentalbegleitung aus. Das selbständige Spiel der Instrumente konnte nur.durch eine Los- lösung vom Gesange entstehen;durch eine gesteigerte Abstraktion entsprang aus dem Gesange alle übrige Musikt, sagt Jakob Grimm, dem der Gesang aus gemessener Rezitation der Worte

hervorgeht.

Nachdem wir erkannt haben, dass die Instrumentalmusik auf den Gesang zurückzu. führen, ist es klar, dass sie bezüglich ihres aesthetischen Gehaltes nach denselben Prinzipien beurteilt werden muss wie jene. Wir können daher fürs erste von ihrem Unterschiede, der nur ein durch die historische Entwicklung bedingter, zufälliger ist, absehen und bei der folgenden Untersuchung von der Musik überhaupt reden. Wir nehmen also die oben gestellte Frage wieder auf: was denn das komplizirte Kunstwerk von heute nachahme. Der Begriff der Nachahmung wird uns zunächst beschäftigen müssen. Alle Nachahmung ist entweder eine unmittelbare oder eine vermittelte; bei jener liegt die Aehnlichkeit in dem Nachahmenden selbst, bei dieser erst in den Wirkungen, die bei dem Nachgeahmten und dem Nachahmenden die gleichen sind. Alle Nachahmung ist ferner eine vollkommene oder eine unvollkommene, je nachdem dieselbe den nachgeahmten Gegenstand bis zur Täuschung erreicht oder nicht. Dass man durch Töne direkt nachahmen kann, liegt auf der Hand, dass nur das Hörbare