Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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Musik, Schmerz, Vergnügen und Enthusiasmus; denn jede dieser Leidenschaften lenkt die Stimme von ihrem gewöhnlichen Gange ab und gibt ihr Biegungen, die von denen der gewöhn- lichen Rede verschieden sind.¹) Man hat in neuerer Zeit sogar den Versuch gemacht, die Modulationen der Sprache durch Notenbezeichnung wiederzugeben, so schon im vorigen Jahr- hundert der Engländer Steele in einer Schrift betiteltOnthe melody and measure of speech. Sein Vorgang, zu dem übrigens schon der Pater Mersenne ein Jahrhundert früher die Anreg- ung gegeben, ist nicht ohne Nachfolge geblieben, ich erinnere nur an Merkels Physiologie der menschlichen Sprache. Auch Helmholtz widmet in seiner Lehre von den Tonempfindungen diesem Punkte wenige, aber schätzbare Bemerkungen.

II.

Der Akzent also ist das Seminarium aller Musik. Der architektonisch wie in un- mittelbarer Wirkung auf das Gemüt gleich groszartige Wunderbau eines Händelschen Chores, von der technischen Vollendung einer modernen Symphonie gar nicht zu reden, lässt freilich auf den ersten Blick kaum ahnen, dass er aus so bescheidenem Keime erwachsen sei. Die Geschichte der Musik kommt uns hier zu Hülfe und zeigt uns vor und über allem Kunst- raisonnement, wie im einzelnen sich der lebensvolle Keim zum weitastigen, blütenreichen Baume entwickelte.

Es ist nur zu natürlich, dass bei dem heute alles überwuchernden Unwesen der Instru- mentalmusik die bekannte und so verbreitete Ansicht von dem originalen, autochthonen Wesen der Instrumentalkunst Boden gewinnen musste. Dass diese Kunst die Vollendung aller Musik sei, gilt als ausgemacht, und zwar nicht nur bei dem groszen Teile der halbgebildeten und eingebildeten Kennerschaft unseres Konzertpublikums, sondern auch bei manchem vornehmsten der tonangebenden und das Musikkritisiren unserer Tage beherrschenden Führer, die mit Marx in der Spielmusikdie Tausendseelensprache sehen,die das Menschenreich des Künstlers zu einem Weltreiche erheben willé. Einem technisch wie künstlerisch, wenn wir überhaupt letzteren Ausdruck hier brauchen dürfen, so krausen und komplizirten Werke gegenüber, wie es das Instrumentalopus von heute ist, lässt sich freilich nun schwer oder gar nicht sagen, was dasselbe eigentlich nachahme. Um es kurz zu sagen, die Spielmusik ist eine Nachahmung der gesungenen. Mit der vorgeschrittenen intellektuellen und technischen Befähigung musste der Mensch auch die Wahrnehmungen, die ihm der tönende Körper bot, erweitern und ord- nen; er musste, die Verhältnisse dieser Klangäuszerungen erkennend, darauf sinnen, wie er diesem Spielzeuge die ihn am meisten ansprechenden und ihn zu Lust und Freude stimmen- den Töne abgewinnen könne. Dass er diesen seine Empfindungen lieh, daran ist vorerst

1) So übersetzt Twining-Buhle diese Stelle, die sich findet in Plutarchs Symposiacis S. 623 ed. Xyl.