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kunst sich vorfinden müssen“ ¹) ist kein Schluss. Der Mensch mit seinen Leiden und Freuden ist sich selbst am nächsten, und die Aeuszerungen dieser Gefühle durch den beseelten Ton sind ihm die am meisten sympathischen und nahegehenden. Darum müssen wir auf ihn„die Keime“ der Tonkunst zurückführen.— Jetzt liegt die Antwort fertig. Der Gegenstand der musikalischen Nachahmung ist der Ton, die Betonung, in der das Gefühl in die Sprache ein- strömt.„Accentus est mater musices“ ist die sinnschwere Formel, in der das Mittelalter den wesentlichen Inhalt der musikalischen Aesthetik erschöpfte. Zum ersten Male in unserer Un- tersuchung begegnet uns hier das Wort„Akzent“. Wir haben es hier in seiner ursprünglichen Bedeutung; wir brauchen es heutzutage gemeiniglich nur in einer wenn auch nicht übertra- genen, so doch wesentlich beschränkten, und verstehen darunter den Nachdruck, den wir einer Silbe zu geben pflegen: es ist dies der grammatische oder Silbenakzent, wir reden auszerdem von einem logischen Akzent, dem Akzente des„emphatischen Nachdrucks“; ²) beide lassen sich durch die Schrift bezeichnen. Hier aber haben wir es mit dem Empfindungsakzente zu tun,„der die gewöhnliche Rede mit unaufhörlichen Anklängen an Gesang und Musik, mit beständigen Ansätzen zu einer neuen Sprache durchbricht.“²) In ihm erzittern gleichsam resonirend die geheimsten Bewegungen des Gemütes, und wie das Auge der treue Spiegel der Seele ist, so ist er deren nicht minder treues Echo. Accentus kommt her von accinere.¹) Das griechische Prosodia(von ροπφέςει) besagt in diesem Sinne gebraucht genau dasselbe. In diesem ursprünglichen Sinne nennt auch die römische Kirche den deklamatorischen Sprech- gesang ihrer Liturgie Accentus.
„Der Gesang ist die Nachahmung durch Töne einer von der Kunst erfundenen, oder wenn es euch beliebt, durch die Natur gegebenen Tonleiter, sie werde durch Stimme oder Instrumente dargestellt, eine Nachahmung physischer Laute oder leidenschaftlicher Töne“, lässt Diderot seinen Rameau sagen, indem er meiner Auffassung nach einen doppelten Aus- gangspunkt für die Entwicklung der Tonkunst annimmt.*) Wir aber sagen mit Rousseau: II n'y a pas que les passions qui chantent.— Es ist also diese Lehre von dem Ursprunge des Gesanges, denn das war ursprünglich alle Musik, keine neue Weisheit. Sie ist fast so alt, als überhaupt denkende Köpfe an die Erforschung des Wesens dieser Kunst herantraten. Ein Aristoxenos, ein Theophrast, ein Sergius haben es in den unzweideutigsten Ausdrücken zu verstehen gegeben, wie wol ihnen diese Beziehungen zwischen der ausgebildeten Modulation und Rhythmik der Musik und den melodischen und rhythmischen Anklängen der Sprache bekannt waren. Hören wir nun einen, Theophrast. Er sagt:„Es gibt drei Prinzipien der
¹) Gervinus a. a. O. p. 15.
²) Gervinus, a. ua. O. S. 17 u. 20.
³) Selbst im Silben- und syntaktischen Akzente hören wir dieses„Ansingen“; es ist ein gewisser Affekt, welcher der Stimme diese Energie der„Betonung“ mitteilt.
⁴) Dies würde dann im Widerspruch stehen mit einer andern Stelle, wo er auch den Instrumenten die Nuchahmung der leidenschaftlichen Akzente zuweist, denn das sei der ganze Umfang musikalischer Gegenstände.„Der tierische Schrei der Leidenschaft hat die Reihe zu bezeichnen, die uns frommt.“


