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singen soll. An eine bewusste Nachahmung jener naturlichen Empfindungslaute darf man bei jenen ältesten Menschen kaum denken, das hiesze einen absichtlich auf diese Objekte gerich- teten Kunsttrieb bei ihnen voraussetzen und eine spätere Stufe, wo der Mensch der' Auszen- welt bewusst sich entgegenzusetzen bereits gelernt hatte, antizipiren. Doch der Mensch über- schritt die Grenze des instinktiven Lebens. Er schuf die Sprache, welche statt der unartiku- lirten Empfindungslaute die Wurzel mit ihrem phantasievollen Ergreifen und Aneignen von Sinnlichem und Begrifflichem dem Mitteilungsbedürfnisse zum köstlichen Geschenke brachte. Die Empfindung ward in enge und mit der weiteren Ausbildung der Lautsprache in immer engere Grenzen eingeschränkt, sie konnte sich nicht mehr in maszlosem Ergusse austönen. Ganz aber konnte sie nicht verdrängt werden, und sie wird es nicht können, so lange der Mensch durch Fühlen und Empfinden an die Kette der empfindsamen Wesen gefesselt ist. In tausend Adern strömte sie auch in die artikulirte Sprache ein, ihr allererst den bewegenden Zauber verleihend. In den Interjektionen, in denen das tönende Gefuhl sich gleichsam ver- körpert, und überhaupt und vor allem in der Vokalreihe haben wir das Abbild jener uran- fänglichen Sprache, in der sich nach Richard Wagner das erregte und gesteigerte Gefühl nur in einer Fügung tönender Ausdruckslaute mitteilen konnte, die ganz von selbst als Melodie sich darstellen musste.
Die Geschichte der Sprache ist zugleich die Geschichte der Vernunft. Aus jenen dunkeln Räumen des Instinktes, oder wie wir immer einen intellektuellen Zustand nennen müssen, dessen Betätigungen statt die sich frei fühlende, selbstbewusste Willkür zum Treiber zu haben, in der zwingenden dumpfen Gewalt eines Naturtriebes wurzeln— aus ihnen treten wir in das erhellte, lichte Reich des selbstbewussten Geistes— oder doch an dessen Grenz- station. Jetzt und nicht eher konnte der Meusch in bewusster Absicht zur künstlerischen Nachahmung schreiten. Welches Vorbild bot sich ihm, das er in Tönen hatte nachbilden können? Er konnte sich der Klänge, wie sie in der unorganischen Natur, wie sie in dem Bewegungsleben der elementarischen Mächte sich kundgeben, als eines Vorbildes bemächtigen. Allein dazu reichte seine technische Erfahrung und Einsicht nicht aus; auch hätte er ihnen ja, wie wir schon oben betonten, die Sprache seiner Einpfindungen leihen müssen, er hätte sich des geheimnisvollen Zusammenhanges der Naturkräfte mit den Mächten seines Gemütes bewusst sein oder ihm doch sympathisch fühlen müssen, was jedenfalls eine Kraft und Schulung der Phantasie und der dichterischen Anschauung voraussetzt, wie sie erst einer hohen und höchsten Ausbildung der menschlichen Gemütsanlagen eigen zu sein pflegt. Viel näher lagen ihm die Empfindungslaute, wie sie in den lautlichen Aeuszerungen des Tieres in ursprüng- lichen, wenn auch„verlorenen“ Andeutungen, in der immerhin gefühlsgetränkten artikulirten Rede in einer weit höheren Vollkommenheit und frappirenderen Eindringlichkait enthalten waren. Dass„der allein würdige Vorwurf aller Kunst der Mensch mit seinen gereiften Kräften“ ist, erkennt wohl jeder Meister und Denker von nicht banausischer Art; dass aber dies der Grund sei, weshalb„in ihm und seinem lautbaren Wesen die eigentlichen Keime der Ton-


