Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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Baukunst webt. Bei keinem aber tritt die Musik so entschieden und ausschlieszlich als tönende Architektur hin als bei Hanslik, der seine Tonformen geradezudie musikalische Arabeske nennt. Bei ihm ist es mehr als eine müszige Behauptung, wie sie das Spiel des Witzes her- vorzutreiben pflegt; es muss ein Parallelismus herrschen zwischen den beiden Künsten, deren Form zugleich ihr Inhalt ist. Dass die Musik ihre Symmetrie in der Zeit entwickelt, die Baukunst im Raume, dass sich dort im Gedächtniss oft erst mühesam fixiren muss, was hier sich müheloser dem äuszeren Sinne darstellt, ist von keinem Belang. Eine Anschauung, welche ganz auf dem Boden derreinen Musik wurzelt, musste schlieszlich dies architekto- nische Prinzip auch der Tonkunst vindiziren.

Als wesentlich architektonische Kunst durfte natürlich die Musik kein Vorbild in der Natur haben. Wie ist denn nun aber die Musik entstanden? Zwei Richtungen antworten auf diese Frage. Die eine lässt die Musik vom Spiele ausgehen, die andere vom Gesange, d. h. vom organischen Empfindungslaute.Man machte, sagt Vischer,an gewissen Körpern zufällig die Beobachtung, dass sie Töne won sich geben, die eigentümlich zur Empfindung sprechen, dass diese Töne in gewissem Verhältnisse zu einander stehen, dass man diese Ver- hältnisse durch Ueberspannen eines Felles über eine Höhle, durch Nebeneinanderziehen von Saiten, durch Nebeneinanderstellen von Röhren, durch Einbohren von Löchern in Röhren vermehren und ordnen kann. Dass derkunstlose Mensch an gewissen Körpern die zufäl- lige Beobachtung machte, dass sie Töne von sich geben, ist wol anzunehmen, bis aber diese Töne eigentümlich zu seiner Empfindung sprechen konnten, bis er die Verhältnisse dieser Töne erfassen, ordnen und vermehren konnte, mussten seine Gemüts- und Geisteskräfte schon eine beträchtliche Stufe der Ausbildung erreicht haben. Selbst das Tosen und Rauschen der Elemente hielten den noch im Banne der elementaren Naturgewalten stehenden Menschen so in Furcht und Grauen gefangen, dass nur ein freies Lustgefühl an den sanften dieser Ge- räusche nicht aufkommen konnte, geschweige denn dass der Mensch von beiden, den gewalt- samen wie den sanften, sympathetisch berührtseine eigenen Gefühle, wie Gervinus sagt, den Bewegungen der Natur und die Sprache der Natur seinen eigenen Bewegungen zu leihen verstand.¹) Hier konnte also der ursprüngliche Mensch keinen unmittelbaren Antrieb zur Nachahmung empfangen. Werfen wir einen Blick auf die organische Welt.

Jedes höher organisirte tierische Wesen hat die Fähigkeit, die Gefühle der Lust und Unlust, die es bewegen, in eine Sprache zu ergieszen, die nicht nur dem Tiere derselben Gattung verständlich, die selbst dem Menschen deutbar sind. Es sind die Empfindungslaute, in denen sichMensch und Tier verstehen. ²) Man könnte vielleicht annehmen, wie es z. B. Gervinus tut, dass der uranfängliche Mensch unwillkürlich zu einer instinktiven Nachalumung der tierischen Laute gelangte, wie wir ja auch von einem Vogel der neuen Welt, der Spott- drossel in Mexiko hören, der die Weisen anderer Vögel in zierlichen Verschönerungen nach-

¹) Vergl. Gervinus, Haendel und Shakespeare, S. 6 u. 7. ²) Vergl. Gervinus, a. a. O. S. 12.