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mittelbare, wir erkennen in der Nachahmung den nachgeahmten Gegenstand, in der Poesie tritt an Stelle des Gesichtssinnes die innere Fiktion der Phantasie, welche an Ohr und Auge treue Gehülfen hat. ¹) Bei der Architektur gehen die Meinungen auseinander. Twining in seiner berühmten Abhandlung ereifert sich über d'Alembert und nennt es eine Ungereimtheit, die Architektur der Liste der nachahmenden Künste beizufügen. In übel angewandter Ironie gesteht er, dass„nach diesem Prinzipe“ auch der Tischler, der Schmied und fast jeder Hand- werker auf den Rang nachahmender Künstler Anspruch haben, denn wenn ein regelmäsziges Gebäude eine Nachahmung der schönen Natur sei, so sei es auch ein Stuhl, ein Tisch oder eine Feuerzange. Unter Umständen— ja! Unter Umständen auch nicht jenes regelmäszige Ge- bäude! Sofern diese Dinge einen praktischen Zweck haben, gehören sie einer nützlichen Kunst an, nicht einer schönen; sofern eine künstlerische Idee an ihrer Hervorbringung teil hat, sind sie Werke der schönen Kunst, die Feuerzange wie das Gebäude. Nachahmend aber sind die Werke der Kunst wie der Technik.— Wir gehen nicht fehl, wenn wir einen Mann wie Hanslik auf der gegnerischen Seite vermuten. Vischer, der in mancher Bezie- hung den Hanslikschen Standpunkt teilt, hat dieser Materie fast die richtige Seite abgewonnen. Er lässt doch, wenn auch„nur entfernt und dunkel ohne jede Intention des Nachbildens dem Völkergeiste in der Bildung der Baustile die zerworfenen Spuren der reinen Raumformen in Erdbildung und Pflanze vorschweben.“ Um es kurz zu sagen, die menschliche Behausung in ihrer anfänglichsten Gestalt war die Höhle, und der Wunderbau des kölner Doms ist nur eine künstlerische Nachahmung derselben; die stolz emporstrebende Säule lässt kaum almen, dass sie ursprünglich eine Zeltstange war, bestimmt das schützende Dach zu tragen, welche wiederum in dem Baumstamme mit dem gastlichen Blätterdache ihren Ahnherrn finden möchte. Es ist schlechterdings nichts ohne Vorbild in der Natur! Und wenn man gleich dieses in den meisten Fällen nicht bestimmt wird angeben können, so darf und kann man doch sagen, welches es möglicher Weise sein können. Und das genügt vollauf.
Architektur und Musik stehen in einem gewissen verwandtschaftlichen Verhältnisse, und seitdem das Schlegelsche Athenaeum die Musik eine flüssig gewordene Baukunst nannte und die Baukunst eine erstarrte Musik, haben fast alle neueren Aesthetiker diese Verwandt- schaft mehr oder weniger betont. Die Musik ist allerdings eine architektonische Kunst, dies geht aber selbstverständlich nur auf ihre formale Seite. Die Symmetrie in der Aneinander- reihung und Wiederholung ihrer Tonglieder, der Schematismus ihrer Formen findet ein Ana- logon in den symmetrischen Verhältnissen der Baukunst, der man hinwiederum, von dem Be- wusstsein dieser Verwandtschaft durchdrungen, einen Rhythmus zugeschrieben hat. Ambros und andere haben diesen Vergleich treffend durchgeführt und sehen in dem polyphonen Kunst- stile des Mittelalters der Musik denselben Geist tätig, der in den Wunderwerken der gothischen
¹) Indem das Ohr den onomatopoetischen Klang zuführt, Auge und Ohr die personative Nachahmung in dem szenisch dargestellten Drama der Phantasie entgegenbringt; doch letztere fällt nach des Aristoteles bekanntem Ausspruche nicht mehr ins Gebiet der Poetik. 1*


