Aufsatz 
Die Musik als nachahmende Kunst / von Franz Schenkheld
Entstehung
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musikalische Darstellung der gemütsbewegenden Gefühle und Empfindungen und der daraus sich fixirenden Stimmungen zuweisen. Die Darstellung von Gefühlen, sagt er, ist nicht Inhalt der Musik, die Erregung derselben nicht ihr Zweck. Das Organ, womit das Schöne aufge- nommen wird, ist nicht das Gefühl, sondern die Phantasie, als die Tätigkeit des reinen Schauens. Die Ideen, welche der Komponist darstellt, sind vor allen und zuerst rein musika- lische, d. h. tönend bewegte Formen. Es ist Sinn und Folge in ihnen, aber musikalische, die Musik ist eine Sprache, welche wir sprechen und verstehen, jedoch zu übersetzen nicht im Stande sind. Das Ideelle der Musik ist ein tonliches, nicht ein begriffliches, welches erst in Töne zu übersetzen wäre. Was nicht zur Erscheinung kommt, ist in der Musik gar nicht da. Der Unterschied zwischen Form und Inhalt ist in dieser Kunst hinfällig. Ihr Inhalt sind die Töne, allein sie sind eben schon geformt. Was ist ihre Form? Wieder die Töne selbst sie aber sind schon erfüllte Form. Hanslik musste diesen Unterschied fallen lassen in einer Kunst, dienicht nur durch Töne spricht, sondern auch nur Töne spricht. Welches nach Hanslik die Beziehungen der Tonkunst zur Natur sein müssen, ist nach den angeführten Sätzen unschwer zu erraten. Alle Klangäuszerungen der Natur sind ihm keine Stufe zur menschlichen Musik, sondern lediglich elementarische Andeutungen einer solchen. Die Musik findet ein Vorbild, einen Stoff für ihre Werke nirgend vor. Es gibt kein Naturschönes für die Musik. Der Komponist hat nichts umzubilden, er muss alles neu erschaffen. Er versenkt sich in sein Inneres und schafft aus sich heraus, was in der Natur nicht seines gleichen hat und daher auch, ungleich den andern Künsten, geradezu nicht von dieser Welt ist. ¹).

Hier sind wir an dem Punkt angelangt, von woö wir unsere Untersuchung am leichtesten ausgehen lassen.

J.

Aristoteles nennt nachahmend die Kunst im engeren Sinne des Wortes, die schöne Kunst, im Unterschiede von der nützlichen, von der er sagt, dass sie das von der Natur unvol- lendet Gelassene ergänze. Wir nennen auch letztere nachahmend.

Dass Plastik, Malerei und Poesie nachahmend seien, hat man zu allen Zeiten mit ziemlicher Uebereinstimmung behauptet: in jenen ist die Aehnlichkeit eine sichtbare und un-

¹) Was die Musik von den Gefühlen darstellen kann, ist nach Hanslik nur das Dynamische derselben. Man kann hier füglich fragen, was dieser Satz im Zusammenhange der H.'schen Lehre für eine Bedeu- tung habe. Vielleicht ist es die geheime Pforte, durch die seingeistiger Gehalt in die Form einschlüpft. Ich will gleich an dieser Stelle eine treffende Bemerkung von Vischer anführen, die das Wider- spruchsvolle der letzten Behauptung so recht darzulegen im Stande ist.Dieses dynamische Gefühls- leben, sagt er(§. 749),muss aber ein wirkliches Dasein haben auch abgesehen von der Musik, wiewol wir es fast nur durch Rückschlüsse aus dieser erraten, und so ist es Inhalt der Musik.