E'ien lbe it un g.
Der erste unseres Wissens, der die Musik eine nachahmende Kunst nannte, war Plato. Er bezeichnete sie ausdrücklich als eine Kunst, welche die Gabe der Darstellung und Nach- ahmung besitze. Aristoteles, der grosze Begründer der Lehre von den Kunstgesetzen, nahm diesen Satz auf, und die kommenden Geschlechter rührten nicht daran; man hielt ihn für unanfechtbar und hätte ihn, wie Gervinus sagt, schon darum für unanfechtbar halten sollen, weil der Mensch in seinem dürftigen Vermögen überhaupt nichts erfunden, nichts erdacht und erschaffen hat, wozu ihm die Natur nicht eine Handhabe hätte bieten müssen. Erst der aller- neuesten Zeit blieb es vorbehalten, ¹) an der Wahrheit dieses Satzes zu rütteln, eine Kunst- anschauung machte sich breit, welche der groszen Lehrmeisterin alles menschlichen Wissens und Könnens sich schämend, im Vollgefühl ihrer Reife dieser den Absagebrief schrieb und ihrer bald nicht mehr gedachte. Dem Gotte gleich musste sich der Künstler dünken, der aus dem Borne seiner Phantasie nach Willkür schöpfend, willkürliche Formen schaffend, mit seinem Geiste sie beseelend, an kein Vorbild sich gebunden fühlte! Die Richtung der„absoluten“, der„reinen“ Musik rief eine solche Kunstauffassung hervor und konnte sie allein hervorrufen. Seitdem die Instrumentalmusik letzthin durch Haydn und Beethoven die zeitbeherrschende Kunst ward und durch ihre staunenerregende Technik die Meinung bestach, dass sie in ihr die Vollendung aller Kunst sah, wähnte man, dass sie auch die alleinige Kunst sei, die reine, weil von Wort und Dichtung unabhängige. Weil die Musik auf diesem Wege durch die immer mehr überhand nehmende subjektive Willkür des Künstlers alles natürliche Ausdrucksvermögen eingebüszt hatte, kam man auf den Gedanken, dass sie überhaupt nichts natürliches auszudrücken habe, mit einem Worte, dass sie ohne Gegenstand der Nachahmung sei. Hanslik ist der vornehmlichste Sprecher dieser Richtung. In seiner 1854 erschienenen Schrift„Vom Musikalisch-Schönen“ wendet er sich gegen die „Gefühlsästhetiker“, d. h. gegen die, welche, wie sie alle und jede Kunst in Beziehung zu des Menschen Geist und Gemüt zu setzen gewohnt sind, der Musik die Nachahmung und
¹) Beattie freilich strich bereits die Musik aus der Liste der nachahmenden Künste, doch ohne damit auf die Entwickelung der musikalischen Aesthetik irgend welchen Einfluss zu üben. Vergl. darüber Twining„Ueber die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Nachahmend, in Anwendung auf die Musik bei den Alten und Neuen“, übers. v. Buhle 1798. 1


