Aufsatz 
Der naturkundliche und insbesonders der botanische Unterricht an den Gymnasien : 1. Teil
Entstehung
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vermögen zu entwickeln und zu üben aucht, das sind die weiteren Forderungen, die an den Unterricht gestellt werden müssen, wenn er darauf Anspruch macht, als Mittel für die formale Geistesbildung gelten zu dürfen. Dass der naturwissenschaftliche Unterricht diesen Bedingungen durchaus zu genügen im stande ist, ist eine Thatsache, die eines Beweis kaum bedarf. Weiter unten wird aber bei genauerer Darlegung der Methode des botanischen Unterrichts zu zeigen sein, wie sich derselbe dieser Aufgabe zu entledigen hat und es wird möglich sein, darzuthun, dass bei richtiger Methode dem Unterricht in der Naturkunde mit Recht der Name einer praktischen Logik beigelegt werden könnte. Wie sechr derselbe auch zur Übung und Stärkung des Ge- dächtnisses, dieser wichtigen beziehenden Thätigkeitsform des Geistes, geeignet ist, wird klar werden, wenn man erwägt, wie leicht es hier möglich ist, immer nur klare und bestimmte Anschauungen, sowie deutliche aus diesen hervorgegangene Begriffe und Erklärungen demselben zu überliefern.

Die zweite Thätigkeitsform, auf deren Entwickelung und Ausbildung der Unter- richt hinzuwirken hat, ist die Einbildungskraft. Wenn Waitz(Pädag. S. 305) sagt, aus dem Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften vermöge sich fast ausschliess- lich das intellektuelle Interesse zu entwickeln, wogegen also das äst hetische und sittliche zurücktrete, so beruht diese Ansicht bezüglich der letzteren entschieden auf einem Irrtum und könnte etwa nur für eine besondere, aber jedenfalls nicht zu billi- gende Behandlungsweise derselben Geltung haben, so gut wie bei jedem anderen Unter- richtsfache auch. Bei richtiger Methode werden die Naturgegenstände der Anschauung des Schülers nicht etwa zum Vergessen dargeboten, sondern es sollen sich klare und bestimmte Vorstellungen in seinem Geiste erzeugen und naturgetreue, bleibende Bilder seiner Einbildungskraft einprägen. Diese muss die so gewonnenen Bilder festhalten und ordnen, um bei Wiederholungen, Beschreibungen, Vergleichungen und Einteilungen, auch ohne dass jedesmal die unmittelbare Anschauung erneuert wird, davon Gebrauch machen zu können. Indem diese Bilder dem jedesmaligen Zwecke gemäss häufig verändert, zu- sammengesetzt und zerlegt werden müssen, wird eine weitere Ubung und Belebung der Einbildungskraft sich von selbst ergeben. Und haben nicht die Formen und Farben der Naturgegenstände von jeher zu den bevorzugten Objekten für die Kunst gehört? Mit diesen Kunstobjekten aber hat es die beschreibende Naturkunde fortwährend zu thun. Wie sollte sie sich die Gelegenheit entgehen lassen, bei Betrachtung der Natur im kleinen wie im grossen auf jede mögliche Weise den Sinn für Formen und Farben anzuregen und zu beleben und auf Läuterung des Geschmackes und Veredelung des ästhetischen Ge- fübles hinzuwirken, um eine Fähigkeit nicht verkümmern zu lassen, die dazu geeignet ist, die edelsten und reinsten Genüsse zu gewähren. Dass die Betrachtung der Natur nicht auch im stande sein sollte, zur Ideenbildung anzuregen, wird nur derjenige bezwei- feln, der in der Natur nicht den unsichtbaren Geist ahnet, der darin waltet, und sich keinen anderen als irdischen Gefühlen zugänglich erweist, wenn ihm die Wunder der Schöpfung entgegengebracht werden.

Auch der Einfluss, den der naturkundliche Unterricht auf die sittliche Bildung, auf Gesinnung und Handlungsweise üben kann, ist nicht zu verkennen. Durch Betonung der Vollendung und Gesetzmässigkeit in der Natur wird in dem Schüler selbst Sinn für Ordnung und Gesetz erregt und eine Anregung gegeben werden können, nach einer gleichen Vollkommenheit auch in den eigenen Handlungen zu streben. Ein weiteres erziehliches Moment liegt ohne Zweifel auch in der durch den naturkundlichen Unterricht anzubahnenden unbedingten Achtung vor den Thatsachen und dem gleichzeitig zu pflegenden Misstrauen gegen sinnlichen Schein. Auch wird die tiefere Naturkenntnis dem Zögling von selbst Achtung vor den Werken der Schöpfung einflössen und so die Schonung derselben zur notwendigen Folge haben und ganz besonders wird die stille