Aufsatz 
Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der phanerogamen Blüthe / Karl Schenck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

längert erſcheint. Dieſe Verlängerung nimmt von nun an immer mehr zu, und es gehen daraus die langen, ſchmalen, fadenförmigen Spitzchen an den Seitenlappen der Unterlippe hervor, welche an der entfalteten Blüthe ſogleich in die Augen ſpringen. An dem von den verwachſenen Theilen der Fruchtblätter gebildeten, die Fruchtknotenhöhlung bedeckenden kegelförmigen Dache beobachten wir jetzt eine deutlichere Differenzirung in zwei verſchiedene Theile. Die Spitze deſſelben hat ſich cylinderförmig in die Höhe geſtreckt und bildet den die beiden freien oberſten Theile der Fruchtblätter tragenden Griffel. Der untere Theil bildet jetzt für ſich allein den Fruchtknoten, und ſchon bemerken wir an demſelben die beginnende Bildung der vier Fruchtknotenabtheilungen, die für die ganze Familie der Labiaten ſo charakteriſtiſch ſind, und deren Deutung bis auf die Gegenwart ſo viele Schwierigkeiten gemacht hat. An dieſem unteren Theile der Fruchtblätter treten jetzt zwei vom Griffel aus nach vorn und hinten verlaufende Leiſten deutlich hervor, der Mittelrippe eines Laubblattes ent⸗ ſprechend. Die durch dieſe Mittelrippe getrennten zwei Theile eines jeden Fruchtblattes ſind ſeine Blatthälften. Am Umfang einer jeden der vier Fruchtblatthälften laſſen ſich drei ver⸗ ſchiedene Partien unterſcheiden. Mit einem Theile ihres Umfanges nehmlich iſt die Frucht⸗ blatthälfte an die Gynobaſis feſtgewachſen, es iſt der nach außen gewandte Theil; ein zweiter Theil grenzt nach innen zu an die zugehörige Mittelrippe; der dritte iſt diejenige Linie, in welcher die Fruchtblatthälfte mit der benachbarten Hälfte des anderen Fruchtblattes zuſammen⸗ gewachſen iſt. Das untere Stück dieſes Theiles iſt, wie ſchon erwähnt, mit der äußeren Seite des anſtoßenden Samenträgers zuſammengewachſen. Die beiden letzten Theile des Umfangs ſchneiden ſich bei allen vier Fruchtblatthälften im Centrum des Piſtilles an der Baſis des Griffels. Nach dieſer genaueren Betrachtung iſt es nun leicht, den eigenthümlichen Wachs⸗ thumsvorgang zu beſchreiben, durch welchen ſich die vier Fruchtknotenabtheilungen bilden. Beim weiteren Wachsthume der Fruchtblätter bleibt nehmlich der ganze Umfang der Hälften in auffallender Weiſe gegen alle übrigen Theile zurück, die Fruchtblatthälften aber wölben ſich innerhalb dieſes ſich kaum erhebenden Umfanges mehr und mehr in die Höhe. Wäͤhrend wir bis jetzt eine einfache Fruchtknotenhöhlung hatten, ſo bilden ſich nun an der Kuppel derſelben vier immer mehr ſich nach oben verlängernde Abtheilungen, gegen welche der urſprüngliche Hauptraum ſo ſehr im Wachsthum zurückbleibt, daß ſich bei der ausgebil⸗ deten Blüthe kaum mehr etwas davon ahnen läßt, und demnach ohne Studium der Entwicke⸗ lungsgeſchichte eine richtige Auffaſſung dieſer Verhältniſſe an der vollkommenen Blüthe gar nicht möglich iſt. Aus dem Zurückbleiben des Umfanges der Fruchtblatthälften folgt denn auch mit Nothwendigkeit, daß die Baſis des Griffels, in welcher ſich ja, wie erwähnt, die Umfänge aller Fruchtblatthälften ſchneiden, ſtets an der Baſis der vier ſich emporwölbenden Fruchtknotenabtheilungen mitten zwiſchen denſelben geſucht werden muß. Bei der Entwickelungs⸗ ſtufe der Knoſpe, bis zu der wir gelangt waren, ſind die vier Wölbungen übrigens noch äußerſt ſchwach und nur bei genauerer Beobachtung zu erkennen. Die Samenträger haben an Ausdehnung ſchon merklich zugenommen. 1 Dimenſion derſelben von vorn nach hinten 0,00625, von links nach rechts 0,00231.

Am oberen Ende derſelben zeigen ſich nach vorn und hinten ſchon ſtarke Convexitäten, die erſten Anfänge der hier hervorwachſenden Samenknoſpen.

Bei einer Kelchlänge von ungefähr 1,5 mm ragen die Kelchzipfel etwa ½ mm über die Krone hinaus, ſind noch dicht aneinander geſchloſſen und verhüllen deßhalb den Gipfel der

2*