§. 10.
Protocoll uͤber die muͤndliche Pruͤfung
und Berathung uͤber das Endreſultat der geſammten Pruͤfung.
Der Director laͤßt uͤber die Leiſtungen der Examinanden ſogleich ein Protocoll aufnehmen und ſammelt nachher die Urtheile der Lehrer uͤber die einzelnen Leiſtungen, nach welchen ſich entwe⸗ der die Reife oder die Unreife des Gepruͤften ergibt.
Bei der hieruͤber ſtattfindenden Berathung hat die Pruͤfungs⸗Behoͤrde außer dem Ergebniſſe der ſchriftlichen Arbeiten und dem Erfolge der muͤndlichen Pruͤfung auch das pflichtmaͤßige, durch laͤngere Beobachtung begruͤndete, Urtheil der Leh⸗ rer uͤber die Kenntniſſe des Gepruͤften gewiſſen⸗ haft in Anſchlag zu bringen.
5. I
Maaßſtab uͤber die Ertheilung des Zeugniſſes der Reife. I. In der Regel gehoͤrt zur Reife:
im Lateiniſchen die in den Bereich des Gymnaſialunterrichtes fallenden Schriftſteller des goldenen Zeitalters zu verſtehen, ſo wie grammatiſch richtig ohne auffallende Abirrun⸗ gen vom guten Sprachgebrauche zu ſchreiben, ſodann die Bekanntſchaft mit den gewoͤhnlichen Versmaaßen, und die Fertigkeit, uͤber einen Gegenſtand der Alterthumswiſſenſchaft im Gan⸗ zen grammatiſch richtig zu ſprechen;
im Griechiſchen beſonders die leichteren At⸗ tiker und den Homer ohne Huͤlfe zu verſte⸗ hen, ſo wie einen leichten Aufſatz mit gram⸗ matiſcher Richtigkeit in das Griechiſche zu uͤber⸗
ſetzen(Es ſind jedoch aus den lateiniſchen und griechiſchen Schriftſtellern ſolche Stellen zur Pruͤfung nicht zu wählen, welche durch Verdorbenheit des Textes oder durch ſpecielle Beziehungen ungewoͤhnlich ſchwierig ſind.))
im Deutſchen die Kenntniß der Grammatik mit Ruͤckſicht auf die hiſtoriſche Entwickelung der Sprache, die Bekanntſchaft mit den Haupt⸗ Epochen der Literatur⸗Geſchichte, ſo wie mit den fuͤr die Schuͤler einer Gelehrtenſchule geeigne⸗ ten Werken der neueren claſſiſchen Schriftſteller und die Fertigkeit, einen Aufſatz aus dem Kreiſe der Schulwiſſenſchaften mit grammatiſcher Rich⸗ tigkeit, logiſcher Ordnung und aͤſthetiſcher Hal⸗ tung abzufaſſen; endlich die Faͤhigkeit, reines und richtiges Deutſch zu ſprechen und ſich uͤber einen begriffenen Gegenſtand zuſammenhän⸗ gend auszudruͤcken;
im Franzoͤſiſchen einen in Ruͤckſicht auf Sprache und Inhalt nicht zu ſchwierigen Pro⸗ ſaiker und Dichter zu verſtehen und einen leich⸗ ten deutſchen Aufſatz grammatiſch richtig zu uͤberſetzen;
in der Religionslehre Bekanntſchaft mit der heiligen Schrift, mit der chriſtlichen Glaubens⸗ und Sittenlehre, ſo wie mit den Hauptmo⸗ menten der Kirchengeſchichte;
in der Mathematik Bekanntſchaft mit den Rechnungen des gemeinen Lebens und der Buch⸗ ſtabenrechnung, der Theorie und Praxis der Proportionen, Ausziehung der Quadrat⸗ und Kubik⸗Wurzel, mit den Progreſſionen nebſt den Logarithmen, ſo wie den Gleichungen des erſten Grades, ſodann der Geometrie und der Ele⸗ mente der ebenen Trigonometrie;


