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Uebereinstimmung mit dem Jehan de Saintré; ein hervorragender Antheil unseres Dichters erscheint ganz unzweifelhaft. Im Pathelin finden wir, wie überall in den genannten Werken, eine rasch voran- schreitende Handlung, der Dichter würzt den leichten und ungezwungenen Dialog mit feinem Spott, mit natürlichem und liebenswürdigem Witz. Ebenso bemerkenswerth ist die überall gleiche Kunst in der Zeichnung der Charaktere, hinter welchen der Dichter vollständig verschwindet. Noch auffallender sind endlich die wiederkehrenden, deutlich ausgeprägten Eigenthümlichkeiten des Styles; eine Fülle von Sprichwörtern, Redensarten, geflügelten Worten macht den Verfasser so bestimmt kenntlich, dass eine Verwechselung mit einem Andern kaum statthaft scheint. Gewissheit ist allerdings in dieser Frage mit den bisher zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu erlangen.
Der Pathelin hat bald verschiedene Bearbeitungen erfahren. Am 31. Januar 1497 liess der berühmte J. Reuchlin zu Heidelberg vor dem Bischof von Worms, dem kunstsinnigen J. Dalberg, von seinen Schülern ein Lustspiel in lat. Versen aufführen. Dieses Stück ist eine Bearbeitung unseres Pathelin, den Reuchlin bei seinem langen und wiederholten Aufenthalt in Frankreich während der Jahre 1473— 1481 kennen lernte und wohl auch aufführen sah; es dürfte den Vergleich mit dem Original kaum aushalten, und das einfache, schlichte Erzeugniss des Mittelalters hat schwerlich durch die Vermischung mit der griechischen Kunst, d. h. die Einführung des Chores, gewonnen. Dieses Schauspiel erlebte sehr viele Auflagen; im Jahre 1519 gab ihm Jak. Spiegel einen Commentar bei, der etwa den zwanzigfachen Umfang des Textes hat und von Citaten aus den Alten wimmelt, Pathelin dagegen nicht erwähnt. Im Jahre 1512 erschien eine Uebersetzung des Pathelin in's Lateinische von Alex. Connibert:„Patelinus alias veterator, comoedia nova, ex peculiari lingua in Romanum traducta eloquium.“ Der sonst ge- schickte Uebersetzer hatte leider den unglücklichen Gedanken den Hanswurst, Comicus, gleichsam als das verkörperte Gewissen des Zuschauers einzuführen, der keinen Augenblick vom Schauplatz abtritt und die Handlung mit den albernsten Spässen unterbricht. Auch in Italien ward der Pathelin nach- geahmt; in Frankreich selbst in„le testament de Pathelin“ und„le nouveau Pathelin“. In der Be- arbeitung von Brueys behauptet sich der Avocat Patelin noch heute auf der französischen Bühne. Voltaire nennt dieses Lustspiel genial; man darf jedoch nicht übersehen, dass alles darin, was dieses Gepräge trägt, wörtlich dem alten Pathelin nachgeschrieben ist. Uebersetzt kam der Avocat Patelin auch auf die deutsche Bühne. Lessing) sagt von der ersten, Montag den 11. Mai 1767 zu Hamburg erfolgten Aufführung:„Der Advocat Patelin ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das zu seiner Zeit ausserordentlichen Beifall fand. Es verdiente ihn auch wegen der ungemeinen Lustigkeit und des guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der Personen entspringt und nicht auf blosen Einfällen beruht. Brueys gab ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es gegenwärtig aufgeführt wird. Herr Eckhof spielt den Patelin ganz vortrefflich.“
Der Inhalt der farce du maistre Pathelin ist in der Kürze folgender:
Pathelin und seine Frau eröffnen das Lustspiel mit Klagen über die schlechten Zeiten.
Guillemette. Nous mourons de fine famine; Nos robbes sont plus qu'estamine Reses, et ne povons sçavoir Comment nous en peussons avoir. Et que nous vault vostre science?
Das Selbstgefühl des schlauen Advocaten erwacht, der sich vermisst, er werde schon für neue Kleider
*) Hamburgische Dramaturgie XIV.


