Aufsatz 
La farce du maistre Pathelin : grammatische Abhandlung / von Ludwig Schäffer
Entstehung
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Maistre Pierre Pathelin.

Far die Beantwortung der Frage nach dem Alter der farce du maistre Pathelin gewinnt man zunächst einen Anhalt in dem Stücke selbst. Als Preis werden darin für 6 Ellen Tuch, zu 24 sous die Elle, 9 franes oder 6 écus angegeben. Zu der Zeit also, in der das Stück spielt, ent- sprachen dem écu 24, dem franc 16 sous. Dieses Zusammentreffen weist auf die Regierung des Königs Johann, der den franc auf 16 sous festsetzte, und zwar auf die Jahre 13531356, die einzigen, in welchen der fortwährend Schwankungen unterworfene Werth des écu 24 sous betrug.

Hiermit ist keineswegs erwiesen, dass das Stück damals auch verfasst worden wäre. Man weiss vielmehr mit Bestimmtheit, dass das erste in Frankreich öffentlich aufgeführte dramatische Werk, le Mystère de la Passion, erst im Jahre 1398 gespielt wurde. Selbst noch während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kannte man nur die Mysterien, d. h. die heiligen Schauspiele, wie sie im Ober- ammergau noch heute im Schwunge sind, sowie die aus ihnen hervorgegangenen moralischen Schau- spiele, in welchen abstracte Begriffe als Personen auftraten. Auf diese folgte endlich das Possenspiel, das seine Personen aus dem Leben griff und die Thorheiten der Menschen geisselte. Dieser zuletzt erschienenen Gattung gehört auch unser Stück an, als das vortrefflichste von allen, Charakterkomödie und Intriguenstück zugleich und ein würdiger Vorläufer der Meisterwerke Molières. Die Hinweise auf die farce de Pathelin gehen nicht bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts zuriek. Nach einer An- spielung im Pantagruel dürfte Rabelais, der seinen Pathelin auswendig wusste, das Todesjahr Karls VII., d. h. 1461, als die Zeit der Entstehung unseres Lustspieles betrachtet haben. Das älteste Datum trägt die Pariser Ausgabe von 1490; mehrere Ausgaben ohne Datum scheinen wenige Jahre älter zu sein.

Im Einklang mit den Vermuthuugen über die Zeit der Entstehung des Werkes befindet sich auch die über seinen Verfasser. Mit ebenso grossem Scharfsinn als feinem und sicherem Gefühle für die Eigenthümlichkeiten des Styles weist der jüngste Herausgeber, F. Génin, auf die Familienähnlich- keit hin, welche 3 dem Antoine de la Sale ganz oder zum Theil angehörende Werke sowohl unter einander als mit dem Pathelin besitzen.

Das erste dieser Werke ist dieChronique du petit Jehan de Saintré, die er selbst mit seinem Namen von Genappe aus, am 25. Sept. 1459 unterzeichnete. Bemerkenswerth ist der Umstand, dass wie im Pathelin die Ereignisse auch hier um 100 Jahre zurückversetzt sind.Au temps du roi Jehan de France beginnt dieser Roman, für welchen der Verfasser augenscheinlich die Vergangenheit gründlich erforscht hat. Das zweite Werk, dieQuinze joies de mariage, blieb gleich unserm Pathelin lange anonym; der Verfasser wurde erst im Jahre 1837 mit Sicherheit durch Pottier nachgewiesen, dem es gelang, den Namen La Sale in einem am Ende der Handschrift von Rouen stehenden Räthsel zu entziffern. Das dritte Werk, dieCent Nouvelles nouvelles, wird von fast allen Gelehrten auf Antoine de la Sale zurückgeführt: die fünfzigste Erzählung trägt seinen Namen, andere zeigen gelegentlich wörtliche

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