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Da im germaniſchen Staate Heer und Volk ihrem Begriffe nach zuſammenfielen, wurde die Gliederung in Hundertſchaften auch während des Friedens beibehalten und zur Regelung des Gerichtsdienſtes verwertet. Die Hundertſchaft war urſprünglich ihrem Namen nach ein reiner Zahlbegriff, der auf die Gliederung des Heeres zurück⸗ ging. Die Bewohner des Gaus ſind damit in eine Anzahl kleinerer perſönlicher Verbände eingeteilt. Wie Tacitus berichtet, ſtanden je hundert Männer aus dem Volke dem Fürſten bei der Ausführung der Rechtspflege zur Seite.(Germ. 12: centeni singuli ex plebe comites consilium simul et auctoritas adsunt.) Dieſe hundert ſind, wie Brunner in ſeiner Rechtsgeſchichte I 118 bemerkt, nicht etwa ein Ausſchuß der ſämtlichen Gauleute, nicht die Dingmänner einer räum⸗ lich abgegrenzten Hundertſchaft, ſondern die Heerverbände, welche der Fürſt, wenn er zum Zweck der Rechtspflege den Gau bereiſt, der Reihe nach zum Ding aufbietet. Zur Zeit des Tacitus iſt die Hundert⸗ ſchaft demnach als Heer⸗ und Dingverband aufzufaſſen. Eine Ver⸗ wachſung der Hundertſchaft mit Grund und Boden konnte, ſolange ſie ihre urſprüngliche Bedeutung hatte, ſchon um deswillen nicht ein⸗ treten, weil die Einteilung der Hundertſchaft mit Rückſicht auf ihre militäriſchen Zwecke zeitweiſe erneuert werden mußte. Erſt in ſpäteren Zeiten gewann die Hundertſchaft geographiſche, landſchaftliche Be⸗ deutung. In ſolcher findet ſie ſich dann bei den Franken als cen- tena, als huntari bei den Schwaben, hundari bei den Nord⸗ germanen und hundred bei den Angelſachſen. Die meiſten Hundert⸗ ſchaftsnamen ſind aus Perſonennamen gebildet, augenſcheinlich den Namen des Hundertſchaftsvorſtehers, unter dem die Benennung ſeiner Hundertſchaft zu dauernder Geltung gelangte: Goldineshundare, Waldramnishundari, Hattinhuntare u. a. m. Daß centenarius, Zentgraf, gerade in der Königshundert ein wohlbegründeter Ehren⸗ name war, beweiſt ſein Vorkommen in Wicker, Weilbach u. a. O. noch bis in’s XV. Ih.
Finden wir nun eine Hundert nach dem Könige genannt, wie in der Königshundert, dem heutigen„blauen Ländchen“,— welcher Name, beiläufig geſagt, immer noch eine ſchwache Erinnerung an die alte Selbſtändigkeit enthält, als Ländchen für ſich— ſo kann ihr dieſer Name erſt zu einer Zeit zu teil geworden ſein, als bereits der Ortsnamen der Hundertſchaft der maßgebende war. Was der


