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die glänzendſten Reichsverſammlungen gehalten, in der Kaiſer er⸗ wählt und gekrönt wurden, die das goldene Haupt des Reichs, ſein Diadem, die berühmteſte Stadt, die Metropolis von ganz Germanien genannt wurde, und von deren einſtiger Herrlichkeit heutzutage in vielen Beziehungen ſogar faſt die Erinnerung geſchwunden iſt. Und wo wäre dies Vergeſſen wiederum mehr zu beklagen, als gerade bei jenen höchſten Symbolen königlicher Gewalt, bei den einſtigen Herrſcherſitzen der oberſten Machthaber Deutſchlands: den Königs⸗ ſtühlen.
Wenn man in unſeren Tagen von Königsſtühlen redet, ſo ſind es die verſchiedenen Berghöhen, die dieſen Namen noch führen, an die man denkt, oder es iſt der wiederaufgebaute Rhenſer Stuhl, der allen Rheinfahrern in Erinnerung lebt. Daß aber hier in der Nähe von Mainz zwei viel ältere Königsſtühle errichtet waren, an denen ſich die wichtigſten Ereigniſſe deutſcher Geſchichte vollzogen haben, das iſt ſelbſt denen kaum näher bekannt, welchen die Beſchäftigung mit der Geſchichte ihrer Vaterſtadt ſonſt nicht fremd iſt.
Es ſei uns deshalb geſtattet die Erinnerung an jene alten Stätten deutſcher Herrlichkeit hier wach zu rufen, und wir werden uns dabei bemühen die notwendigen Beiſpiele zur Erläuterung des von uns Geſagten möglichſt aus der nächſten Nähe von Mainz zu nehmen.
Da über das Weſen einer Einrichtung, die wir nicht mehr kennen, die Umſtände, unter denen ſie getroffen wurde, und der Zweck, dem ſie diente, das beſte Licht zu verbreiten vermögen, iſt es vor Allem nötig, um die Bedeutung der Königsſtühle recht zu erfaſſen, ſich klar zu werden zunächſt über das Weſen jener Verſammlungen, die ſich um Gerichts⸗ und Königsſtühle ſcharten.
Bei unſeren Vorfahren beruhte die Entſcheidung der öffentlichen Angelegenheiten allenthalben auf der Verſammlung der freien und wehrhaften Volksgenoſſen. Tacitus ſchildert ſie uns als concilium civitatis, die Völkerſchaftsverſammlung. Zu gemeinſamen Opfern und Beſchlußfaſſungen in wichtigen Fragen vereinigten ſich die Verbände der Völkerſchaften, zur Ausübung der Rechtspflege traten die Hundertſchaften der einzelnen Gaue zuſammen. Man tagte im Freien auf einer den Göttern geweihten Stelle, denn die Landesgemeinde iſt Opferverſammlung, ſie entſcheidet über Krieg und


