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Nicht nur der Religionsunterricht kommt aber für die religiöse Beeinflussung der Schüler inbetracht, sondern auch die anderen Unterrichtsgegenstände; es gibt wenige Unterrichtsstoffe, die nicht Beziehungen zur Religion haben und religiös bildend wirken können; und es ist jedenfalls ein grosser Schaden, wenn die Religion in keine Beziehung gesetzt wird zu den anderen Geistesgebieten, die im Unterricht vorkommen. Vor allem ist es sehr misslich, wenn für die grossen Männer, die bei der Jugend als geistige Autoritäten Bedeutung haben, vor allem unsere grossen klassischen Dichter, keine Beziehung zur Religion gefunden wird. Sie lässt sich aber finden, wenn man nur nicht engherzig und einseitig in der Beurteilung religiésen Lebens ist; heute muss man jeden aufrichtigen Bundesgenossen, den man finden kann, annehmen, um auf jede Weise die religiöse Erziehung zu fördern. Ja, man darf wohl sagen: Alle geistige Vertiefung wirkt, wenigstens mittelbar, auch religiös. Wie die Werke unserer grossen klassischen Dichter mitgewirkt haben zur Uberwindung eines flachen Rationalismus und Materialismus, so kann sicherlich ein Mensch, der einen lebendigen Eindruck bekommt von der Grösse und Bedeutung des Geistes, wer eigenes geistiges Leben in sich entwickelt, nicht ernstlich dem Materialismus verfallen; er muss auch sein Leben darauf gründen, dass der Geist die Herrschaft in dieser Welt hat.
Neben dem Unterrichte hat die Schule noch andere Mittel der religiösen Erziehung. Dazu gehört vor allem die Schulandacht. Über ihren Wert werden die Ansichten, je nach den besonderen Erfahrungen, sehr auseinandergehen: es steht damit wohl ähnlich wie mit der Predigt im Gemeindegottesdienste. Die blosse Verlesung eines Bibelabschnitts wird meist ohne innere Beteiligung hingenommen werden, ebenso steht es mit einem abgelesenen Gebet, das sich in allgemeinen Gedanken bewegt. Am wirkungsvollsten erscheint mir eine kurze Ansprache oder Anwendung eines Bibeltextes, die an den Gedankenkreis und die besonderen Erlebnisse der Schüler anknüpft. Wenn es der Schul- andacht gelingt, auch nur einen einzigen Gedanken den Schülern nahezubringen, der sie aus dem Alltäglichen erhebt zu dem Ewigen, so hat sie ihren Zweck erfüllt.
Neben diesen religiösen Einflüssen der Schule gehen dann natürlich noch weiter- hin die des Hauses her. Ein Glück, wenn diese beiden nicht in Gegensatz zu einander kommen und so die jugendliche Seele verwirren! Das wird am besten vermieden, wenn sie Ehrfurcht haben vor dem selbständigen Leben des jugendlichen Geistes, wenn sie der freien, persönlichen Entwicklung nicht Gewalt antun, wenn sie auch sein religiôses Leben nicht einschnüren und festlegen wollen in eine Schablone bestimmter Formen und Anschauungen. Das ist gar oftmals verhängnisvoll gewesen für die religiöse Entwicklung eines Menschen.
Und dann kommt neben dem Haus und der Schule die religiöse ELinwirkung der Kirche. Sie macht sich schon früh bemerkbar in den kirchlichen Festen und der weihevollen Stimmung, die von ihnen ausgeht. Aber eine Beteiligung der Kinder am Gemeindegottesdienst erscheint mir nicht nur nutzlos, sondern oft geradezu schädlich, vor allem dadurch, dass die Jugend sich gewöhnt, den gottesdienstlichen Akten, dem Gebet und der Predigt, gedankenlos beizuwohnen; die unmündige Jugend gehört in den Kindergottesdienst. Im allgemeinen beginnt die besondere kirchliche Arbeit an den Kindern mit dem Konfirmanden-Unterricht. Aber sein rechtes Verhältnis zu dem Religionsunterricht der Schule ist eine äusserst schwierige Frage, auf die ich in dem Rahmen dieser kleinen Schrift nur kurz eingehen kann.


