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Die Kirche, d. h. vor allem die christliche Gemeinde, soll die Macht religiöser Erziehung sein, die die Jugend mit der Konfirmation in ihre Obhut, nimmt und sie ihr ganzes Leben hindurch darin behält. Der gemeinsame Gottesdienst soll das religiöse Leben der einzelnen erhalten und stärken, die Predigt soll ihnen helfen, in den Verhält- nissen der Gegenwart ihr Christentum zu erweisen und auch im öffentlichen Leben wirksam zu machen. Damit der Gemeindegottesdienst das leisten kann, muss aus ihm und aus dem kirchlichen Leben überhaupt alles beseitigt werden, was gegen die Wahr- haftigkeit streitet, und muss der Pfarrer es verstehen, aus tiefer, geschichtlich und wissenschaftlich begründeter Erfassung des Evangeliums heraus, dessen Krafte hineinzutragen in unsere Zeit und Kultur, in der er selbst als ein wahrhaft moderner Mensch stehen muss. Je mehr die Kirche dieses leistet, um so mehr wird auch ihr Ansehen und erziehender Einfluss in unserm Volke wachsen.
Schliesslich aber ist der mächtigste und grösste Erzieher, den uns Gott schenkt, das Leben selbst; es bringt auch erst den Samen zur Reife, den die religiöse Erziehung der Jugend gelegt hat. In den Erfahrungen des Lebens, den freudigen wie den schmerz- lichen, geht uns der Sinn so manches religiösen Gedankens, den grosse religiöse Persön- lichkeiten ausgesprochen haben, erst auf; in den Kämpfen des Lebens müssen die Lebens- kräfte der Religion ihre Probe bestehen; nur so kann der Mensch ein fester religiöser Charakter werden. Erst in den Mannesjahren kommt das religiöse Leben zu einer gewissen Reife. Und bei einem rechten Menschen hört diese Erziehung durch das Leben nicht auf, so lange er lebt. 3
Dabei sei aber ein Hindernis nicht übersehen, das der Weckung und Stärkung religiös-christlichen Lebens in unserem Volke entgegensteht: das sind die Tungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse bei vielen. Das Sprichwort sagt wohl:„Not lehrt beten“, aber Christentum ist Sorge für die Seele, ist wahres geistig- sittliches Leben. Vergebung der Sünden ist das religiöse Gut; die Erlösung ist Freiwerden für das Gute. Aber wer Tag für Tag schwer um seinen notwendigen Lebens- unterhalt zu kämpfen hat, wen die Sorge um das tägliche Brot ganz einnimmt, der findet nur wenig Zeit und Ruhe, an sein inneres Leben zu denken. Ist es bei solchen Menschen nicht erklärlich und verzeihlich, dass sie glauben, in äusserem Wohlbefinden liege das Glück des Lebens? wer kann sich wundern, dass in ihnen das Verlangen nach höheren Gütern noch nicht wach ist? Darum, wenn wir lebendiges Christentum in unserem Volke wollen, so müssen wir auch helfen, dass die materiellen Nöte beseitigt werden. Das ist ja der wahre Gedanke der Inneren Mission.
Wahres religiöses Leben aber wünschen und ersehnen wir für unser Volk, wenn wir es lieb haben. Ein Mensch ohne Religion ist ein Krüppel, so haben wir gesagt; ein Volk ohne Religion geht unrettbar zu Grunde.
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