Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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wesentliche Seite des Christentums hat man bei der religiösen Verkündigung und Erziehung viel zu sehr zurücktreten lassen; man hat viel zu sehr ein weichliches Christentum verkündet. Jesus aber ist nicht weichlich, sondern voll Kraft, wie auch seine grossen Jünger.

Diese Zeit ist dann auch besonders angetan für die sittliche Beeinflussung, aber nicht in der Weise, dass man der Jugend Gebote einprägt als Forderungen einer höheren Macht, sondern, dass man die sittlichen Forderungen auch zu dem Kraftstreben der Jugend in Beziehung setzt, ihnen rechte Sittlichkeit als die wahre Kraft zeigt, so wie es Förster in seiner vortrefflichenJugendlehre tut.

Und wenn dann weiter die Zeit kommt, wo die Verstandeskräfte sich besonders entwickeln, sie liegt über das Volksschulalter hinaus wo die Jugend dem Verstand die höchste Entscheidung in den Lebensfragen zuweist, dann ist dies auch die Zeit, wo man ihr das Verhältnis von Religian und Wissen, die Verschiedenheit ihres Gebiets und Geltungsbereichs zum Verständnis bringen muss, wo man ihr aber auch zeigen muss, dass wahre Wissenschaft und richtiges Denken der Religion nicht widersprechen, sondern sie vielmehr in mancher Beziehung als Ergänzung verlangen, dass die religiöse Weltanschauung und Welterklärung den Rätseln des Lebens am besten gerecht wird. In dieser Zeit müssen auch die religiösen Vorstellungen in Einklang gebracht werden mit dem Natur- und Weltgeschehen: wie ein göttliches Walten in dieser Welt möglich und mit dem Naturzusammenhang vereinbar ist, was Offenbarung, Wunder, Gebetserhörung ist, muss klargestellt werden. Ebenso muss die Jugend in dieser Zeit mit der Arbeit der kritischen Bibelwissenschaft in ihrer Bedeutung für ein tieferes Verständnis religiösen Lebens bekannt gemacht, zu der rechten Stellung zum Bibelwort angeleitet werden. Damit schafft man natürlich bei ihr keine Religion, aber räumt Hindernisse für deren gesundes Wachstum aus dem Wege und hilft dem jugend- lichen Geiste, sich eine selbständige, religiös begründete Weltanschauung zu bilden. Weil die Volksschule diese so notwendigen Belehrungen und Aufklärungen nicht bieten kann, so ist was auch aus manchen anderen Gründen zu fordern ist eine Fortsetzung der religiösen Unterweisung über die Volksschulzeit hinaus, in der Fort- bildungsschule, notwendig, wie ja überhaupt die erziehende Fürsorge für die schulentlassene Jugend eine Aufgabe ist, die mit viel grösserem Ernst als bisher in Angriff genommen werden muss.

Seit alter Zeit nimmt im Religionsunterricht einen grossen Raum der Katechis- musunterricht ein, und zwar ging er meist selbständig neben dem biblischen Unter- richt her. In neuerer Zeit wird von vielen Seiten eine Verbindung der beiden Stoffe in der Weise verlangt, dass die Katechismussätze aus den biblischen Geschichten abgeleitet und entwickelt werden sollen; die religiösen Wahrheiten, die in der Geschichte veranschaulicht worden sind, sollen in den Katechismussätzen ihren Ausdruck finden. Das kann aber nicht ohne grosse Gewaltsamkeiten und Künsteleien geschehen. Der lebendige Eindruck einer Geschiehtte wird dadurch, dass man eine bestimmte Lehre daraus zu entwickeln sucht, oft viel mehr verwischt als verstärkt; und dann erscheint mir diese Zerreissung und Zerstückelung des Katechismus schr ecklich, eine wahre Misshandlung des Katechismus. So verlangen denn auch andere einen zusammenhängenden Katechismus- unterricht. Ich bin nun gewiss davon überzeugt, dass ein tüchtiger und religiös- lebendiger Lehrer auch einen guten und wirksamen Katechismusunterricht erteilen kann,