Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

Er beginnt mit biblischen Geschichten des alten Testaments. Die Angriffe gegen den Unterricht im alten Testament erscheinen mir nicht berechtigt, wenn nur eine verständige Auswahl im Stoff getroffen wird und nur diejenigen Geschichten behandelt werden, die dem Verständnis dieser Altersstufe entsprechen und wirklich religiösen Gehalt haben. Da ist eine durchgreifende Sichtung in unseren Schulbüchern allerdings erforderlich. So glaube ich. dass z. B. die Geschichte von der Opferung Isaaks, die meisten Jakobs-, auch manche Moses- und Samuelsgeschichten bei 810 jährigen Kindern nicht fruchtbar und segensreich behandelt werden können. Bei manchen Ge- schichten, wie z. B. der Schöpfungsgeschichte von 1. Mos. 1, kommt es darauf an, dass man sie in einer dem kindlichen Geiste verständlichen Weise behandelt. Aber eine vollständige Ausschaltung des alten Testaments aus dem Unterricht dieser Stufe würde ich für einen grossen Verlust halten. Es tritt doch im alten Testament den Kindern religiöses Leben in einfachen Formen und Verhältnissen anschaulich entgegen, ein religiöses Leben solcher Art, wie es dem Wesen des jugendlichen Geistes in mancher Weise entspricht. Und auch das ist kein Zweifel, dass uns beim israelitisch-jüdischen Volk eine Lebendigkeit des religiösen Gefühls entgegentritt, wie bei keinem anderen Volke. Das zeigt sich ja vor allem an den Reden der Propheten, den Psalmen und dem Buch Hiob, diesen ganz eigenartigen Zeugnissen religiösen Lebens, die aber dem Verständnis dieser Unterrichtsstufe noch nicht zugänglich sind; aber auch in den geschichtlichen Schriften des alten Testaments tritt diese besondere religiöse Ver- anlagung des jüdischen Volkes hervor. Wenn die sorgfältig ausgewählten Geschichten des alten Testaments den Kindern lebendig nahegebracht werden wobei die Erzühlung wohl nicht im engen Anschlusse an den biblischen Text stattzufinden hat, sondern in freier Wiedergabe und lebendiger Ausgestaltung der bedeutsamen Einzelheiten dann finden sie sicherlich eine willige und freudige Aufnahme in den Herzen der Kinder. Die Person Jesu aber lässt sich ihnen ohne Zweifel so nahebringen, dass sie ihn lieb- gewinnen, wenn ihnen auch ein volles Verständnis seiner Wirkung und Bedeutung noch verschlossen ist und ihnen von seinen Reden und Gleichnissen nur recht wenig ver- ständlich ist. Warum soll man ihnen nicht auch schon auf dieser früheren Unterrichts- stufe manches erzählen von den grossen Männern der Kirchengeschichte, den Märtyrern, einem Augustin, Bonifatius, Franziskus, der heiligen Elisabeth, Huss, den Reformatoren und den Männern des praktischen Christentums, der äusseren und inneren Mission? Damit kann man sicher viel früher beginnen, als es bisher geschieht.

Wenn dann aber die Zeit der geschlechtlichen Entwicklung beginnt, wenn in der jugendlichen Natur das Freiheitsbegehren und Selbständigkeitsgefühl, das Vertrauen auf eigene Kraft sich regt, da muss auch die religiöse Erziehung sich dem- entsprechend gestalten. Wenn da der Jugend die Religion nur entgegentritt als ein Gesetz, das sie in Schranken einengen will, wenn da immer nur die Rede ist von der Schwäche und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur, dann findet sie wenig Boden zur Aufnahme. Da ist es wichtig, dass die Religion der Jugend nahegebracht wird als die Kraft, die ihr eigenes Kraft- und Freiheitsstreben entbindet, ihr Bestes zur Entwicklung bringt. Religion als Lebenserhöhung und Lebensbejahung! Das findet Verständnis; und das entspricht doch dem wahren Wesen der christlichen Religion, wie es anschaulich entgegentritt in den Helden des Christentums. Diese so