Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Anlage, nicht unterlassen. So ist es also eine wichtige Aufgabe der Schule, mitzuhelfen an der religiösen Erziehung der Jugend. Darin soll sie die Taätigkeit des Hauses unterstützen und fortsetzen; ja, bei unseren heutigen Verhält- nissen, bei der ablehnenden Stellung, die viele Familien zur Religion einnehmen, bei dem häufigen Versagen der häuslichen Erziehung überhaupt, muss die Schule die Tätigkeit des Hauses vielfach ganz ersetzen. Diese Aufgabe religiöser Erziehung fällt natürlich in erster Linie dem Religionsunterricht zu. Und das Wissen, die Kenntnisse, die er vermittelt, sollen auch der religiösen Erziehung dienen. Gewiss gehört kein besonders grosses Wissen dazu, um ein frommer Christ zu sein das Wort Jesu Matth. 11. 25:Ich preise dich, Vater im Himmel, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen offenbaret gilt insofern auch noch für unsere Zeit aber um als Christ in unserer Zeit und in unserem modernen Staats- und Gesellschaftsleben zu wirken, dazu gehören allerdings mannigfache Kennt- nisse auch auf religiösem Gebiete.

Wie ist nun der Religionsunterricht in der Schule zu erteilen? Die beiden Aufgaben, die nach obigen Ausführungen dem Religionsunterricht zu stellen sind, begründen übereinstimmend die Forderung, dass er in der Hauptsache den geschichtlichen Gang einschlagen muss, d. h. er muss die grossen religiösen Persönlichkeiten in ihrem Fühlen, Denken und Handeln der Jugend lebendig vor- führen. Dadurch bekommen sie eine lebendige Anschauung davon, was Religion ist, dadurch kommen sie mit religiösem Leben in Berührung. Durch den geschichtlichen Gang wird ihnen das Christentum in seinem Auftreten, seiner Ausbreitung und Auswirkung in der Menschheit am besten verständlich. Dieser Gang des Unterrichts passt auch am besten zu der Natur des Kindes, das für alles Persönliche lebhaftes Interesse hat. Gewiss ist es auch wünschenswert und nötig, dass das Kind klare religiöse Vorstellungen bekommt, aber diese können doch nur ausgebildet werden auf Grund lebendiger Anschauung. Im Mittelpunkt des Religionsunterrichts muss so die Person Jesu stehen, keine höhere Aufgabe gibt es für den Religionsunterricht, als Jesus der Jugend innerlich nahe zu bringen in der Herrlichkeit seines Lebens. Alle andern Stoffe sollen vor allem auch dazu dienen, Jesus in seiner Grösse verständlich zu machen, so die Männer, die seine Erscheinung vorbereitet haben, an die er anknüpft und deren Werk er fortführt und vollendet, die israelitischen Propheten, und die Männer, die, von ihm ergriffen, sein Evangelium in der Welt verkündet haben, ihn ihrer Zeit nahe zu bringen berufen und bestrebt waren, die grossen Männer der Kirchengeschichte, die Helden des Glaubens. Wenn das geschieht, dann darf man wohl hoffen, dass das jugendliche Gemüt auch von dem Geiste Jesu lebendig erfasst wird und so lebendige, kräftige, christ- liche Religion in ihm entsteht.

Fraglich ist es, ob schon in den ersten Schuljahren ein förmlicher und besonderer Religionsunterricht am Platze ist, ob man sich hier nicht lieber begnügt mit, einzelnen Erzählungen von Jesus bei Gelegenheit der kirchlichen Feste und sonstiger religiôser Einwirkung. Nicht zu früh und, besonders auf den unteren Stufen, nicht zu viel Religionsunterricht! Das ist jedenfalls eine berechtigte Mahnung. So empfiehlt es sich vielleicht, den eigentlichen Religionsunterricht erst mit dem dritten Schuljahre mit einigen wonigen Stunden beginnen zu lassen.