Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Und nun kommt die Schule, die die Erziehung des Hauses und wenigstens nach der bisher noch vorherrschenden Anschauung auch die religiöse Erziehung fort- setzen und ergänzen soll.

UÜber den Religionsunterricht der Schule wird bekanntlich in neuerer Zeit ausserordentlich viel verhandelt und gestritten. Sehr stark und allgemein sind die Klagen über den bestehenden Religionsunterricht. Es ist durch Nachfragen festgestellt worden, dass im allgemeinen kein Unterrichtsgegenstand sich geringerer Beliebtheit bei den Schülern erfreut, als gerade der Religionsunterricht, die Religionsstunden sind vielen die langweiligsten Stunden. Viele Stimmen wollen den Religionsunterricht verant- wortlich machen für die religiöse Gleichgiltigkeit und Abneigung gegen Religion, die in weiten Kreisen besteht. So fordern manche gerade um der Religion willen Abschaffung des Religionsunterrichtes in der Schule; so der bekannte frühere Pfarrer A. Bonus; andere, so besonders viele aus der Lehrerwelt, verlangen eine gründliche Reform des Religionsunterrichtes. Man muss allerdings sagen: Von Früchten des Religionsunterrichtes für das religiöse Leben merkt man recht wenig; trotz allem Religionsunterricht, und zwar einem Religionsunterricht, der erteilt worden ist durchaus

in orthodoxem Sinne, auf der Grundlage der kirchlichen Bekenntnisse, ist ein Geschlecht

herangewachsen, das für Religion und Christentum ausserordentlich wenig Sinn hat, das sich von Religion und Kirche immer mehr abwendet. So kann man wohl zweifelhaft sein, ob der bisherige Betrieb des Religionsunterrichtes nicht viel mehr Schaden als Nutzen inbezug auf die Erweckung religiösen Lebens gebracht hat. Ja, man kann wohl fragen: Ist Religionsunterricht überhaupt notwendig und zweckmässig? Wenn Religion Leben ist, dann ist sie jedenfalls nicht lehrbar in dem Sinne, dass man durch Lehren jemanden zu einem religiösen Menschen machen könnte. Und doch ist der Religionsunterricht, meiner Ansicht nach, in der Schule notwendig. Notwendig ist er schon deshalb, weil die Kenntnis der Religion zur allgemeinen Bildung gehört, d. h. für jeden, der sich an unserem Volks- und Staatsleben beteiligen will, unentbehrlich ist. Es ist doch kein Zweifel, dass die Religion und insbesondere das Christentum an der Kulturentwicklung, an der Entstehung unserer gegenwärtigen Kultur den allergrössten Anteil gehabt; die ganze geschichtliche Entwicklung, vor allem auch die unseres deutschen Volkes, ist durch das Christentum, durch die religiösen Mächte weitgehend bestimmt. Auch noch in unserer Zeit hat das Christentum in dem staatlichen und geistigen Leben die allergrösste Bedeutung. So kann niemand die geschichtliche Entwicklung und die heutige Zeit verstehen ohne Bekannt- schaft mit der christlichen Religion; und es muss deshalb die Religion ein Unterrichts- gegenstand in der Schule sein. Der Religionsunterricht hat also den Zweck, Kenntnisse über Religion und Christentum, vor allem ein Verständnis davon, zu übermitteln. Und das muss er offenbar noch viel besser leisten, als er es bisher getan hat. Denn in weiten Kreisen auch der sog. Gebildeten herrscht eine ausserordentlich grosse Unkenntnis über diese Dinge, sowohl über den Inhalt und Sinn der biblischen Schriften, als über die Geschichte und über das Wesen des Christentums. Hier hat also der Reli- gionsunterricht eine grosse und wichtige Aufgabe zu leisten.

Aber die Schule will ja nicht bloss unterrichten, sondern auch erziehen; dann darf sie aber die Ausbildung einer Anlage des Menschen, die von dem grössten Einfluss auf seine geistig-sittliche Entwicklung, seine Charakterbildung, ist, nämlich der religiösen