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Für die religiöse Entwicklung des Kindes ist natürlich auch von grösster Bedeutung, was es in der Eamilie an religiösem Leben wahrnimmt und miterlebt. Wenn es sieht, wie den Eltern der Verkehr mit Gott etwas ganz Natürliches ist, wie sie ihn in Gebet und Hausandacht betätigen, wenn es aber auch bemerkt, wie für ihr Handeln Gott die bestimmende Macht ist, dann wächst das Kind nach diesem Vorbilde, das ihm seine höchsten natürlichen Autoritäten, die Eltern, geben, wohl ganz natürlich in dieses Leben mit Gott hinein. Das ist wenigstens das Normale; man kennt allerdings auch Fälle, wo Kinder aus religiös lebendigen Familien in ihrem späteren Leben eine ganz entgegen- gesetzte Richtung bekommen. Der Mensch bleibt eben doch in seinem inneren Leben vielfach ein Rätsel; wer will das menschliche Herz ergründen! Jedenfalls aber, wenn das Kind aus der Familie keinerlei religiöse Anregungen mitbringt, wenn die Familie verständnislos der Religion gegenübersteht, ja vielleicht ihr gar entgegenwirkt, wie das heutzutage nicht selten ist, dann werden andere Erziehungsmächte in religiöser Beziehung nur schwer etwas leisten können.
Neben den besprochenen religiösen Einwirkungen findet in der Familie auch die erste religiöse Unterweisung, vor allem durch die Mutter, statt. Die Mutter ist es, die das Kind zuerst hinweist auf den himmlischen Vater, sein Wirken dem Kinde anschaulich macht, die das Kind beten lehrt, ihm von Jesus und seinem Liebes- wirken erzählt und ihn so dem Kinde innerlich nahe bringt. Bei Gelegenheit der christ- lichen Feste erzählt sie ihm auch in freier, dem kindlichen Sinne angepasster Weise die betreffenden biblischen Geschichten, vor allem die Weihnachtsgeschichte, die ja so sehr wie keine andere Erzählung durch ihren poetischen Zauber die Seele des Kindes gefangen nimmt. Im übrigen aber möchte ich die biblischen Geschichten für die Schule aufgespart haben; der Mutter bleibt ja noch ein reicher, vortrefflicher Erzählungsstoff in der Märchenwelt. Ob sie auch frei gestaltete Christkindchengeschichten, wie sie das Ehepaar Zurhellen-Pfleiderer(in ihrem Buche„Wie erzählen wir den Kindern die biblischen Geschichten?*⁴) empfehlen und darbieten, ihren Kindern erzählen soll, darüber kann man verschiedener Ansicht sein.
Eine Vorbereitung und Unterstützung der religiösen Erziehung bildet, hier in der Kinderstube wie später in der Schule, die sittliche Erziehung. Gott in der vergeistigten Auffassung des Christentums steht ja dem Verständnis des Kindes recht feorn. Wie kann das Kind, das ganz im Sichtbaren lebt, diese unsichtbare, rein geistige Macht fassen und sich vorstellen! Aber eine Ahnung von seinem Wesen geht ihm auf, wenn ihm Gott als die persönliche Macht des Guten dargestellt wird: Gott liebt das Gute und führt es zum Siege; er verabscheut und vernichtet das Böse; er ist der Urquell alles Guten. Das ist die tiefste und doch auch dem Kinde verständliche Erklärung des göttlichen Wesens. Und wenn nun durch die Erziehung das Gute im Herzen des Kindes Wurzel fasst— durch das Beispiel, die rechte Zucht, durch Be- lehrung, nicht zum wenigsten auch dadurch, dass in den Erzählungen und Geschichten das Gute ihm in seiner Schönheit und seiner beglückenden Macht gezeigt wird— so wird damit auch Gott ihm immer mehr verständliche und lebendige Wirklichkeit, und es wird dadurch auch in ihm der Boden geschaffen für das Erlebnis von der beseligenden und erlôösenden Macht Jesu in dem Kampfe um das Guteé.


