unter normalen Verhältnissen, Gott nicht nötig. Wenn man annehmen darf— wofür vieles spricht— dass in der Entwicklung des einzelnen Menschen in der Hauptsache dieselben Stufen vorkommen wie in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, dann darf man sagen, dass die Religion des Kindes, soweit sie überhaupt in ihm lebendig wird, in mancher Weise der der Naturvölker gleicht(es will Erfüllung seiner Wünsche, es fürchtet sich vor Strafe); das Christentum mit seiner hohen Geistigkeit, seinem aus- schliesslich sittlichen Charakter ist nicht die der Kindesnatur zunächst entsprechende Religion. Natürlich soll die Erziehung ja gerade die Entwicklung beeinflussen, aber sie muss doch an den natürlichen Gang der kindlichen Entwicklung anknüpfen, darf keine Stufen überspringen. Ja, das Höchste im christlichen Erleben und Erfahren, die Ergebung in das, was Gott schickt, der Verzicht auf eigene Wünsche, die Verinnerlichung des Lebens, der Druck der Sünde und Unvollkommenheit und die Befreiung davon, all das ist dem Kinde höchstens in ganz beschränktem Masse zugänglich und erlebbar. Christentum ist eben die Religion des reifen Menschen. Dieser Schranke in der Erziehung muss man sich bewusst bleiben. Die höchste Entwicklung kann in der Jugend nur vorbereitet werden, es kann nur der Same dazu gelegt werden; das Reifen kann man an der Jugend noch nicht schauen.
Und doch kann die religiöse Erziehung nicht frühe genug beginnen. Die frühesten Eindrücke sind die lebendigsten. Die lebendigen Eindrücke der Kindheit bestimmen— oftmals ohne dass man sich dessen bewusst wird— die spätere Entwicklung in ent- scheidender Weise. So ist von der allergrössten Bedeutung und der allerwichtigste Teil der Erziehung die Erziehung in der Familie. Wo kein rechtes Familienleben ist, da fehlt die wichtigste Bedingung und Grundlage für die Entwicklung religiösen Lebens. Darum ist unendlich viel wichtiger als aller Religionsunterricht die Sorge für das Gedeihen des Familienlebens. Wer will, dass das religiöse Leben in unserem Volke kräftig werde, der helfe mit, dass den weiten Kreisen unseres Volkes ein rechtes Familienleben möglich werde, der arbeite mit an der Besserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der unteren Volkskreise, an der Gesundung der Wohnungsverhältnisse u. dgl. Denn in der Familie, im Verkehr mit Vater und Matter erlebt das Kind die ersten religiösen Gefühle; was Liebe und Vertrauen ist, was das Gute und Rechte, was Schuld ist, das erlebt es da. Wie sollen in einem Kinde, das diese Gefühle nicht in der Familie erlebt, die religiösen Gefühle lebendig werden? Wie soll das Kind lernen, Gott mit Hingebung und Vertrauen Vater zu nennen, wenn es im Hause nichts von Vaterliebe spürt? Man darf wohl sagen: Bei einer gesunden, naturgemässen Entwicklung des Kindes entwickelt sich in ihm auch das religiöse Leben in ganz natür- licher Weise. Zur gedeihlichen Entwicklung des Kindes aber gehört auch Freude im Hause, in der Familie. Die Kindesnatur kann recht gedeihen nur in Sonnenschein, Freude und Liebe; das pezieht sich auch auf das religiöse Gedeihen. Also mehr Freude für die Jugend! Das ist zu fordern auch im Interesse der religiösen Erziehung. Sehr schön spricht Joh. Müller(„Von den Quellen des Lebens“ S. 207 ff.) von der Bedeutung der Freude:„Wer lieben will, muss sich freuen können.“„Die jubelnde Freude über das eigene Dasein treibt ebenso zur Nächstenliebe, wie die Freude an dem Nächsten.“ Rechte Religion ist Freude, denn sie ist Lebenserhöhung. Jesus, in dem das vollkommenste religiéöse Leben erschienen ist, ist voll Freude und der rechte Freudebringer.


