Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Es wird aber durch diese Art religiöser Erziehung in keiner Weise ein Gewissens- zwang, eine Vergewaltigung auf die jugendliche Seele ausgeübt. Eine Vergewaltigung kann dadurch stattfinden, dass man von der Jugend die Annahme von Lehren und Bekenntnissen verlangt und durch äussere Autorität oder andere Machtmittel darauf dringt; und solche Vergewaltigung rächt sich oft furchtbar bitter und schwer, indem die ver- gewaltigte Seele, sobald es ihr möglich ist, sich von dem Aufgedrungenen befreit, damit zugleich aber auch für wirkliche Religion Verständnis und Empfänglichkeit verliert. Und sicherlich ist hierdurch in der religiösen Erziehung ausserordentlich viel verfehlt und ver- dorben worden. Dagegen durch die von uns empfohlene religiöse Erziehung, die der Freiheit der Persönlichkeit in jeder Weise Rechnung trägt, findet keine Vergewaltigung statt.

Wenn wir religiöse Erziehung so bestimmen, so dürfen wir wohl annehmen, dass alle, die es ernst nehmen mit dem Leben, also alle rechten, ganzen Menschen, einer religiösen Erziehung in diesem Sinne zustimmen und sie für die Jugend notwendig finden. Ein Mensch, in dem die religiöse Anlage nicht zur Entwicklung kommt, der nicht zu lebendiger Religion kommt, der kommt nicht zum vollen Leben, der wird und bleibt ein Krüppel in seinem geistigen Leben. Und wer nicht an der höchsten Religionsform, dem Christentum, sein religiöses Leben bildet und gestaltet, der erreicht nicht die höchste Stufe menschlichen Lebens, die möglich ist.

Die religiöse Erziehung hat aber mit besonderen Schwierigkeiten und Hemmnissen zu rechnen, die einmal in unserer Zeit und unseren Verhältnissen, sodann in der Natur des Kindes liegen.

In früherer Zeit war der Gottesgedanke eine selbstverständliche Voraussetzung und Grundlage für alle Lebens- und Weltauffassung. Mochte der einzelne auch zu diesem Gott in keine äusserlich merkbare persönliche Beziehung treten, seine Existenz galt doch als etwas Selbstverständliches. Das ist heute anders. Heute ist Gott selbst, sein Dasein, vielen ein Problem, ja das eigentliche Problem in der Religion, etwas völlig Ungewisses und Fremdes. Unsere Zeit ist so hingenommen und erfüllt von der Grösse der Natur und ihrem streng gesetzlichen Gang, dass für Gott hier kein Raum mehr zu sein scheint. Und sie ist so sehr darauf gerichtet, in den Fortschritten der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung Hilfe für das Leben zu finden, dass der Gottesgedanke ihr sehr fern liegt. Diese Stimmung, gewissermassen dieses Milieu, in dem der junge Mensch aufwächst, ist der Entwicklung religiösen Lebens sicher wenig günstig. So begegnet man oft gerade bei der Jugend aus den Kreisen der Gebildeten einer grossen Interesselosigkeit gegenüber religiösen Fragen.

Die Kindesnatur ist ja an und für sich dem Gottesgedanken leicht zugänglich: er ist ihr etwas ganz Natürliches. Das Kind ist von dem Gedanken der Naturgesetze noch nicht bedrückt, es lebt noch ganz in der Welt des Wunders. Die schweren Rätsel im Weltlauf sieht es noch nicht; die ihm unverständlichen und unerklärlichen Vorgänge im Leben, wie Krankheit und Tod, Naturvorgänge wie Gewitter u. dergl. weisen es hin auf eine unsichtbare Macht, auf Gott. Anderseits aber ist die Kindesnatur noch ganz gerichtet auf das Sichtbare, Sinnliche. Das Kind lebt nicht im Ubersinnlichen, nur das Sichtbare hat für es Bedeutung und Kraft. In seinen Bedürfnissen aber wendet es sich an die Eltern, ihnen begegnet es mit den religiösen Gefühlen der Liebe und des Vertrauens, der Dankbarkeit, des willigen Gehorsams; sie stehen ihm an Stelle Gottes. Zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, zur Stillung seines Lebensdrangs hat es, wenigstens