Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Und nun wird wohl auch klar, wie Erziehung zur Religion zu verstehen ist, und wie sie allein möglich ist. Sie kann in erster Linie nicht geschehen durch äussere Gewöhnung, denn es handelt sich ja um etwas ganz Innerliches; nur soweit äussere Gewöhnung innerlich beeinflussen kann, ist sie von Wert. Es ist auch etwas ganz anderes als Erziehung zu irgend einer Pugend, Pflichttreue oder Wahrhaftigkeit. Auch da handelt es ja um das Geheimnis der freien Dersönlichkeit; aber bei der Religion haben wir es doch noch mit etwas viel Tieferem und Ursprünglicherem zu tun. Am allerwenigsten lässt sich Religion durch Übermittlung von Lehren und Bekenntnissen einfach übertragen. So hat man ja meist oder wenigstens vielfach die religiöse Erziehung aufgefasst; man hat geglaubt, durch Übermittlung eines Wissens über die Religion könne man die Religion selbst übertragen, aber es ist sehr zu fragen, ob man dadurch der Entwicklung des religiösen Lebens nicht viel mehr geschadet als genützt hat. Was sind denn die kirchlichen Lehren und Bekenntnisse? Aussagen, die andere von ihren religiösen Erlebnissen gemacht, haben, Aussagen, in denen sie sich diese religiösen Erlebnisse zu erklären versuchten, Aussagen, in denen sie sich das von ihnen erlebte Wirken Gottes mit dem Weltgeschehen zu vereinigen suchten. Solche Aussagen können uns ja dazu dienen, uns auf Jesus und seine Bedeutung, überhaupt auf Wahrheiten des religiösen Lebens, aufmerksam zu machen; aber recht verstehen können wir sie erst, wenn wir religiéses Leben aus der Anschauung und eigener Erfahrung kennen gelernt haben. Und dazu kommt noch, dass diese Aussagen vielfach bedingt und abhängig sind von der Denk- und Anschauungsweise der Zeit, in der sie entstanden sind, die von unserer Denkweise vielfach sehr stark abweicht. Dadurch werden sie vielfach ein Hindernis für das Verständnis religiösen Lebens; der Verstand hindert die religiöse Empfänglichkeit. Erst wenn man zu eigener religiöser Erfahrung gekommen ist, kann man solche Bekenntnisse und Lehren würdigen als den Glaubensausdruck früherer Christen und über das Trennende der Denkweise hinweg die Glaubenseinheit spüren.

Wenn man solche Lehren äusserlich übertragen, womöglich aufdrängen will, so kann man dadurch die lebendige Religion bei einem Menschen ertôten, ihre Entstehung unmöglich machen. Das ist auch der Sinn des bekannten Epigramms Schillers:Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! Und warum keine? Aus Religion! Der wirklich religiös lebensfähige Mensch kann keine Religion, kein religiöses Bekenntnis ohne weiteres übernehmen, alles muss organisch, innerlich wachsen, sich frei und selbständig entwickeln. So kann Erziehung überhaupt nicht Religion in einem Menschen schaffen. Die Entstehung wirklicher Religion ist ein Geheimnis, wie alles Leben und die Entstehung des Lebens; ihre Entstehung lässt sich nicht erklären, sie ist ein Wunder, das eigentliche Wunder im Menschenleben, das Eingreifen der göttlichen Lebensmacht selbst, wie das ja allezeit auch die religiöse Erfahrung bekannt hat. Die Erziehung kann nur günstige Vorbedingungen für das Entstehen religiösen Lebens schaffen, Hemmnisse aus dem Wege räumen, das Wachstum mit ihrer Pflege begleiten, schützen und fördern, und zwar vor allem dadurch, dass sie den Menschen in Berührung bringt mit lebendiger Religion der besten, kräftigsten und reinsten Art, nämlich mit den grossen religiösen Persönlichkeiten, vor allem denen der höchsten Religion, des Christentums, indem sie ihm so die Möglichkeit und Veranlassung gibt, sich für einen Lebensweg frei und bestimmt zu entscheiden.