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nur durch Jesus kommt man zu diesem religiösen Erleben; das bezeugt die allgemeine Erfahrung der Christenheit. Und wenn die Christenheit diese Erlösung vor allem oder auch einzig an seinen Tod geknüpft hat— wie es auch Luther ausspricht:„der mich.. erlöset.. hat.. durch sein unschuldiges Leiden und Sterben“— so entspricht das auch einer allgemeinen christlichen Erfahrung! In dem Tode Jesu hat man den Höhepunkt, den reinsten Gehalt und Ausdruck seines Lebens gefunden. Dieser Tod vor allem hat einen überwältigenden Eindruck auf die Christen aller Zeiten gemacht(das bezeugen unsere Passionslieder), er hat besonders bestimmend gewirkt auf die Entstehung einer neuen Lebensrichtung in ihnen. Wie sie sich aber diese Wirkung Jesu und insbesondere auch die Wirkung seines Todes auf ihr eigenes inneres Leben verständlich gemacht und erklärt, haben, das hängt von ihrer besonderen Denk- und Anschauungsweise ab, die wieder ab- hängig ist von der ganzen Auffassung ihrer Zeit und Umgebung. Das gehört also nicht zu dem Wesen des Christentums.
Diese Religion, wie wir sie ihrem Wesen nach zu bestimmen versucht haben, ist jedenfalls die höchste Form religiösen Lebens, die bisher erschienen ist; ja eine höhere Stufe ist für uns undenkbar, eine Fortbildung erscheint uns nur möglich in einer tieferen Erfassung dieses religiösen Lebens und volleren Auswirkung in dem Leben der Menschheit.
Aber was verbürgt uns denn, dass diese Religion nicht eine blosse Illusion, dass sie Wahrheit ist, dass solche inneren Erlebnisse einer ausserhalb des Menschen liegenden, tatsächlichen Wirklichkeit entsprechen? Von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, ob eine Erziehung zur Religion berechtigt ist. Wir haben keine unfehlbare Kirche, die uns die Wahrheit verbürgt. Auch die Bibel ist unserer Zeit keine äussere Autorität, die die Wahrheit ihres Inhalts ohne weiteres gewährleisten könnte. Und das kritische Geschlecht unserer Zeit gründet seine religiöse UÜberzeugung auch nicht mehr auf die Autorität der geschichtlichen UÜberlieferung. Und mit Recht! Es gibt nur eine Autorität für einen Protestanten: Nur das, was sich dem Menschen innerlich als Wahrheit bezeugt und bewährt, das erkennt er an. Was Luther auf dem Reichstage zu Worms für sich in Anspruch nahm, nach eigenem Gewissen zu entscheiden, dazu haben wir alle das Recht und die Pflicht. Wir Menschen sind nun einmal mit unserem Leben hineingestellt in eine Welt, deren Sinn und Wesen wir mit dem Verstande nicht ergründen können. Um unser Leben in dieser Welt zu führen, müssen wir wählen zwischen dem Lebensweg Jesu, also der christlichen Religion, oder irgend einem anderen. Welches der wahre ist, das können wir nur durch praktische Probe feststellen. In der inneren Kraft, die wir aus der Be- rührung mit Jesus schöpfen, in dem Wert, den unser Leben in seiner Nachfolge gewinnt, in dem Lebensgefühl selbst, liegt für uns die Gewissheit, ob das Christentum Wahrheit ist. Diese Gewissheit ist eine unmittelbare, die durch Verstandesgründe nicht gestützt, und gefestigt werden kann. Dass diese Nachfolge Jesu nicht äusserlich aufzufassen ist, das ergibt sich aus dem besprochenen Wesen der Religion, das geht auch aus allen Worten Jesu, wenn man sie im Zusammenhange seiner ganzen Erscheinung verstehen lernt, deutlich hervor. In ihnen— so auch in den Weisungen der Bergpredigt— wird uns das Leben, das er in sich spürt und zu dem er die Menschen bringen will, beschrieben. So handelt es sich auch nicht um eine äussere verstandesmässige Wahl zwischen ver- schiedenen Lebenswegen, es ist vielmehr eine bezwingende Macht, die durch Berührung mit Jesus über den Menschen kommt und ihn in neue Bahnen zwingt.


