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In welchem Verhältnisse stehen nun die Religionen, von denen wir schon vorher sprachen, zu der Religion der einzelnen Menschen? Es ist ein besonderer Zug der Religion, dass sie zur Gemeinschaft treibt; der einzelne Mensch hat den Trieb, das, was er in der Religion erlebt, anderen kund zu tun, mit anderen religiöse Erlebnisse aus- zutauschen, bei ihnen Bestätigung seines Erlebens zu suchen, hierdurch sein eigenes religiöses Leben zu stärken und zu erwärmen. So entstehen gemeinsame religiöse Vor- stellungen, gemeinsame Formen, mit den höheren göttlichen Mächten in Verbindung zu treten, so entstehen die geschichtlichen Religionen. Sie haben für den einzelnen wieder die Bedeutung, dass an der Religion der Gemeinschaft, in die er eintritt, der Gemeinschaft, die die lebendige Trägerin der überlieferten Religion ist, seine Religion sich entwickelt, duass die Anlage zur Religion dadurch in ihm zur Verwirklichung der Religion wird und so seine Religion entsteht und lebendig wird, die zwar durch die Religion der Gemeinschaft bedingt, aber doch etwas ihm Eigentümliches ist, seine persönliche lebendige Berührung mit der höheren Macht, mit Gott. Sie findet ihren eigensten Ausdruck im Gebet: zum Gebet treibt ihn seine Lebenssehnsucht; im Gebet erfährt er die Erhöhung des Lebens. Die Mystik kennt eine noch unmittelbarere Berührung mit der höheren Macht; wer wollte ihre Möglichkeit wohl bezweifeln? Aber die Geschichte zeigt, wie gefährlich es für das religiöse Leben des Menschen ist, wenn er die Fühlung mit der geschichtlichen Religion mit der Gemeinde als der Trägerin der geschichtlichen Religion verliert.
Sehr verschieden sind die Religionen nach der Art, wie in ihnen die Beziehung zu den höheren Mächten und damit das Wesen dieser Mächte selbst aufgefasst wird. Sie hängt ohne Zweifel zusammen mit der ganzen geistig-sittlichen Entwicklung der Menschen und Völker. In einigen Religionen aber ist die Entwicklung getragen und tiefgehend beein- flusst von einzelnen grossen schöpferischen religiösen Persönlichkeiten(Propheten, Religions- stiftern), sie sind die besonderen Träger der Offenbarung. Beim Blick auf die Religions- geschichte glauben wir einen Fortschritt, eine emporsteigende Entwicklung auf religiösem Gebiete wahrzunehmen, sie gipfelt in dem Christentum. Das Christentum ist— darüber kann wohl unter Verständigen kein Zweifel bestehen— die höchste unter allen geschichtlichen Religionen.
Was ist aber das Wesen des Christentums? Christentum ist vor allem doch die Religion, wie sie in Jesus selbst lebendig und verkörpert ist. Das religiöse Leben Jesu aber ist begründet in seiner völligen vertrauensvollen Hingabe in den Willen der höchsten Macht über diese Welt. Diese Macht aber ist ein persönliches geistiges Wesen, das in unendlicher Liebesgesinnung den Menschen hält und trägt, der allmächtige Vater, der sie zur Lebensgemeinschaft mit ihm selbst bestimmt hat, der eine völlige Willens- und Geistesgemeinschaft mit den Menschen und unter den Meuschen herstellen will. Diesem höchsten Wesen dient man also einzig dadurch, dass man die anderen Menschen zum Leben mit ihm zu führen sucht und mit ihnen eins wird in der Liebe; dadurch wuͤchst man auch selbst immer mehr mit dem ewigen Wesen, mit Gott, zusammen.
Und darin besteht die Erlösung durch Jesus,— denn der Erlösungsgedanke steht im Christentum im Mittelpunkt— dass er die Menschen zu solchem Leben führt. Seine Person, in der diese Religion in ihrer Vollkommenheit erschienen ist, wirkt bestimmend und entscheidend auf die Menschen, die ihm nahekommen. So ist er der Weg zu Gott,


