Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Religion scheint doch etwas zu sein, was der menschlichen Natur zugehört. Aber was ist es? Wir sprechen von verschiedenen Religionen; da bedeutet Religion bestimmté überlieferte Formen, in denen man übermenschliche, überweltliche Kräfte und Wesen, Götter, verehrt, bestimmte Ansichten und Lehren über die Götter, über das Welt- ganze, über Ziel und Bedeutung des Menschenlebens, bei manchen auch bestimmte Lebens- grundsätze und sittliche Forderungen. Hat derjenige Mensch Religion, der dieses über- lieferte Gut übernimmt und sich zu eigen macht? So glauben viele. Religion ist ihnen die gehorsame Annahme dieser überlieferten Formen, Gebräuche, Lehren, sittlichen Gebote. Aber damit kommen wir nicht zu dem ursprünglichen Wesen der Religion. Wenn wir das finden wollen, müssen wir dahin gehen, wo die Religion rein, stark und ursprünglich hervortritt, zu den grossen religiösen Persönlichkeiten, so besonders den alttestamentlichen Propheten, zu einem Augustin, Luther, Calvin, und vor allem zu dem grössten: Jesus Christus. Da schauen wir das religiöse Leben in seiner ursprünglichen Kraft. Aber freilich: wenn wir das, was wir dann schauen, in Worte und Begriffe fassen wollen, da erhebt sich eine grosse Schwierigkeit; es ist im Grunde das Geheimnis des Lebens selbst, das uns hier entgegentritt, wie will man das in Worte fassen? Männer, die tiefer in das Geheimnis dieses Lebens eingedrungen sind, können uns helfen, es in seinem Wesen zu erfassen, so vor allem Schleiermacher, von neueren wohl auch Joh. Müller(Von den Quellen des Lebens.) Wenn Schleiermacher die Religion bestimmt als das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit, so ist an dieser Erklärung vielleicht manches auszusetzen, aber man kann aus seinen Ausführungen über Religion wohl erkennen, dass er darunter etwas ganz Ursprüngliches und Unmittelbares im geistigen Leben des Menschen versteht, was vor allem bewussten Fühlen, Denken und Wollen liegt. Religion, so darf man wohl sagen, gehört zu dem ursprünglichen Kraftquell des menschlichen Lebens. In der Religion offenbart sich das besondere Wesen des Menschen, worin er die übrige Lebewelt überragt; es ist der Sinn des Menschen für das, was über diese Erscheinungswelt hinausliegt, der Sinn für das Unendliche. Darin offenbart sich der geheimnisvolle innere Zusammenhang des Menschen mit dem Urgrund alles Seins und Lebens. Etwas davon glauben wir zu bemerken in allen Erscheinungsformen der Religion; in allen, auch in den rohsten und unvollkommensten, tritt unausrottbar dieser eigentümliche Zug der Menschennatur hervor, der Trieb, sich zu erweitern über das mit den Sinnen Fassbare hinaus; überall an der Grenze des Erkennbaren tritt dieser Zug hervor, wie sehr auch diese Grenze im Verlaufe der Kulturentwicklung verschoben sein mag. In der Religion offenbart sich das Ver- langen des Menschen nach Leben, nach Erhöhung des Lebens; das ist die Wahrheit, die in allen Erscheinungen der Religion liegt, sie alle künden von der Bestimmung des Menschen zu einem höheren Leben als dem Leben in der von den Sinnen erschlossenen Welt, zu einem Leben mit der diese Welt überragenden und beherrschenden Macht; und so darf man auch in ihnen allen von einer Offenbarung sprechen, in allen findet sich ein Ahnen, ein wenn auch noch so dunkles Erleben von einer höheren Macht. Sehr ver- schieden ist die Stärke der Religion bei den einzelnen Menschen, d. h. der Grad, in dem die innere Verbindung des Menschen mit der höheren Macht in dem Menschen wirksam wird und hervortritt. Es gibt Menschen, bei denen die Religion der alles beherrschende Mittelpunkt ihres Lebens ist, und wieder andere, bei denen sie kaum Bedeutung für ihre Lebensgestaltung zu haben scheint..