Aufsatz 
Über religiöse Erziehung / von Heinrich Sandrock
Entstehung
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Uber religiöse Erziehung.

Religiöse Erziéehung, d. h. Erziehung zur Religion, das ist eine Sache, über die heutzutage bei uns die allerverschiedensten Ansichten herrschen und die verschiedensten Forderungen gestellt werden. Nicht nur die Kirchen verlangen sie, auch der Staat legt den höchsten Wert darauf. Aber unzählige unserer Volksgenossen stehen ebenso wie sie selhst sich der Kirche innerlich immer mehr entfremden der Frage der religiösen Erziehung gleichgiltig, sehr viele sogar feindlich gegenüber; andere wollen eine religiöse Erziehung für die Kinder höchstens als UÜbergangs- und Durchgangsstadium der Ent- wicklung, wie sie die Religion auch für dasVolk wollen. Diejenigen aber, welche die Religion in ihrer wahren und bpleibenden Bedeutung für den Menschen noch schätzen und eine wirkliche religiöse Erziehung wollen, denken sehr verschieden über die Wege, die dabei einzuschlagen sind.

Wenn ich es unternehme, diese so wichtige Frage zu besprechen, so werde ich den Kundigen vielleicht nicht viel Neues bieten; aber damit wir aus den mannigfachen Erörterungen und Verhandlungen zu wirklichen Anderungen und tatsächlichen Fort- schritten auf dem Gebiete der religiösen Erziehung kommen, ist wohl auch eine Zu- sammenstellung der Hauptprobleme und ihrer Beantwortungen wünschenswert und nützlich. Vielleicht berechtigt auch eine langjährige Tätigkeit als Religionslehrer zu einem eigenen Urteil und Vorschlag nach mancher Richtung hin.

Um zu einer Verständigung zu kommen, müssen wir uns vor allem darüber klar werden und einigen, was Religion und was Christentum denn um die christliche Religion handelt es sich hier in erster Linie dem tiefsten Wesen nach ist; sicherlich herrscht darüber noch viel Unklarheit und Uneinigkeit. Ist Religion nur, wie viele meinen, ein abergläubisches Vorurteil, ein dunkler, leerer Wahn, der vor dem hellen Lichte der Wissenschaft und der Erkenntnis der Wirblichkeit, verschwinden muss? Nun, die Völkerkunde zeigt wenigstens das, dass die Religion sich bei allen Völkern findet; und die Weltgeschichte lehrt uns, welche Macht sie im Leben der Völker gewesen ist, wie sie bei den Völkern des Altertums, den Babyloniern, Persern, Agyptern, Griechen, Römern ganz zu schweigen von dem israelitisch- jüdischen Volke im Mittelpunkt des Volks- und Staatslebens gestanden hat. Welche Macht war sie bei den mittelalterlichen Völkern! Man denke nur an die Bewegung der Kreuzzüge! Wie hat sie auch hier das Volks- und Staatsleben beeinflusst! Und wenn es den Anschein hat, als ob demgegenüber die Religion heutigestags in ihrem be- stimmenden Einfluss zurückträte, sowohl im Staatsleben als im Leben des einzelnen, so ist es sehr fraglich, ob dieser Anschein nicht trügt, indem das religiöse Leben nur mehr innerlich geworden ist, oder ob dieses Zurücktreten der Religion nicht eine nur vorübergehende Erscheinung im gegenwärtigen Geistesleben ist.