Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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ſpricht ſich auch Tilly in einem an einen Freund gerichteten Briefe aus jener Zeit aus. Ein großer Bewunderer Guſtav Adolf's und eifriger Ankläger Tilly's fällt darüber folgendes Urtheil:Der Brkef ſei ein Muſter chriſtlicher Geduld in einem großen, bis dahin unbeſiegten Heerführer ²¹)..

Von dem Tag an, von welchem Tilly's Glücksſtern ſich zu neigen ſchien, nahm das Waffenglück des großen nordiſchen Königs einen rapiden, bisher nicht von ſerne geahnten Fortgang. In gleichem Maße, als der Kriegsruhm des kaiſerlichen Generals abnahm, ſtieg der Feldherrnruhm ſeines königlichen Gegners und mit dieſem auch die Popularität desſelben, ſo daß das deutſche Volk ihn alsden Schiedsrichter Deutſchlands und nordiſchen Meſſias vergötterte. Und in der That wichtig für die Fortſetzung des Krieges, für die Geſchichte Deutſchlands war die von Guſtav Adolf gewonnene Schlacht bei Leipzig.Der Reſtitution der geiſtlichen Güter, welche Tilly als die Hauptaufgabe ſeines Lebens angeſehen und für welche er mit dem Schwerte rückſichtslos gekämpft hatte, wurde für alle Zeiten ein Ziel geſetzt; der Pro⸗ teſtantismus war gerettet, die religiöſe Freiheit war durch den ferneren Siegeslauf der Schweden geſichert.

Mit der Schlacht von Leipzig(Breitenfeld) könnte man die Laufbahn des alten Feldherrn als abgeſchloſſen betrachten. Seit jenem verhängnisvollen Tage nimmt er in der öffentlichen Meinung eine untergeordnete Stellung ein. Sein Ruhm hatte ſich wie ein ſchöner Traum in nichts aufgelöſt, eine einzige Niederlage war hinreichend, um bei der Mehrzahl der katholiſchen Verbündeten ſeine Verdienſte vergeſſen zu machen. Guſtav Adolf war der Held und ruhmvolle Befreier, der Gegenſtand der Furcht und des Schreckens für die kaiſerliche Partei. Aber nichts deſto weniger rafft ſich der Hochbetagte noch einmal auf in ſeinem Schmerze über die erlittene Niederlage. Der Kurfürſt Max, ſein Kriegsherr, ſucht ihn mit dem heilſamen Balſam des Troſtes zu beruhigen. Er ſchreibt:Es iſt mein auf⸗ richtigſter Wunſch, daß Sie bald wieder geſund und im Stande ſeien, Wieder⸗ vergeltung zu üben. Der Krieg bringt nothwendigerweiſe Unfälle mit ſich, wie jener, den Sie erlitten. Aehnliches iſt den größten Potentaten, den tapferſten Generalen widerfahren, welchen Gott die glänzendſten Siege, die entſcheidendſten Triumphe gewährt hat⁵). Dieſe Worte erwecken in dem alten Führer noch einmal das Feuer jugendlicher Begeiſterung; er ermuthigt ſeine Officiere und feuert ſie zur Revanche an, begierig ſelbſt Leib und Leben daran zu ſetzen, indem ernichts Anderes als die Ehre Gottes, des Kaiſers und ſämmtlicher Fürſten Rettung ſuche ³). Aber ſeine Kräfte waren gebrochen mit dem Kern ſeiner Veteranen bei Leipzig. Er fühlt ſelbſt, daß der Glanz ſeines Ruhmes im Erlöſchen begriffen und er einer ſo großen und wichtigen Aufgabe nicht mehr gewachſen ſei. Er bittetum Aſſiſtenz eines Capos, da er mit Rückſicht auf ſein hohes Alter nicht länger die beiden Armeen führen könne, was eine als zu ſchwere Laſt ſei. Wallenſtein, ſeinen alten Waffengefährten, bringt er in Vorſchlag für dieſen Poſten.

Es bewährt ſich auch jetzt an Tilly die alte und immer neue Wahrheit, ſo lange der Menſch vom Glücke begünſtigt wird, beſitzt er Freunde und Verehrer genug, trifft ihn aber des Schickſals Schwere, dann verlieren ſich ſeine Anhänger, es treten alsdann auch ſeine Feinde mit ihren Anklagen und Verurtheilungen hervor, die den Heimgeſuchten doppelt ſchmerzen müſſen. War in Wien ſchon bisher gegen Tilly und ſeine Armee die größte Gleichgiltigkeit an den Tag gelegt und ſein Bitten um Succurs wenig berückſichtigt worden, ſo trat das Benehmen jetzt um ſo offenkundiger hervor. Tilly's Feinde und Neider erhoben ihre Stimmen für die Wiedereinſetzung Wallenſteins, der allein in der ſchweren Zeit die nöthige Autorität beſitze, um den Krieg glücklich zu beendigen. Nicht weniger paſſiv, beinahe feindlich, verhielten ſich die katholiſchen Fürſten, bei denen Tilly bisher Unterſtützung Plumden hatte. Ein jeder von ihnen wollte zunächſt Schutz gegen die heranflutenden ſchwediſchen Soldaten haben und berief ſich auf die zahlreichen Opfer, die er für den gemeinſamen Zweck gebracht habe. Dadurch gerieth der Feldherr, welcher ſich nach ſeiner Geneſung, ſo gut es ging, ein Heer geſammelt und mit demjenigen des Herzogs von Lothringen, eines kühnen und ſtolzen Herrn, vereinigt hatte, in eine ſchwankende und unſchlüſſige Stellung. Er wollte jedem Fürſten und Bundesgenoſſen helfen und verlor durch die Kreuz⸗ und Querzüge die Zeit, dem kühnen und entſchloſſenen Guſtav Adolf, der mit ſeiner ſiegreichen Armee widerſtandslos durch Thüringen und Franken bis nach Würzburg vorge⸗ drungen war, kampfgerüſtet entgegen zu treten. Damit war der Kampf in die bisher von der Kriegsfackel verſchont gebliebenen Länder des Kurfürſten Max getragen, die den Schweden reichen Unterhalt boten. Aber je ſiegreicher die Schweden vordrangen, deſto vorſichtiger, ja ängſtlicher wurde Tilly. Er ſelbſt ſagte damals aus:Es iſt gar nicht meine Abſicht, den Feind zu fliehen, aber ihn viel

Vergl.: ¹²4) Harte, Guſtav Adolf, O. Klopp II. S. 336. ¹25) Villermont, S. 580. ¹²6) Wittich, S. 740.