Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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Soldaten zur Dispoſition und wollte erſt nach der herangezogenen Verſtärkung der Feldherren Altringer und Fugger eine entſcheidende Schlacht wagen. Aber gegen ſeinen ausdrücklichen Befehl ließ ſich der ungeſtüme Pappenheim zu einem Kampfe hinreißen, der für ihn verderblich wurde. In ſtrategiſcher Hinſicht trifft Tilly kein Vorwurf. Mit ſcharfem Feldherrnblick hatte er zur Aufſtellung ſeiner Truppen ein günſtiges Terrain gewählt. Er hatte eine von Leipzig nöͤrdlich ſich hinziehende Hügelkette beſetzt, und zwar ſo, daß er von da mit ſeiner Artillerie die Auginae von Norden her beherſchte, während zugleich das Gros der Armee die Stadt ſelbſt als einen feſten Stützpunkt im Rücken hatte. Guſtav Adolf ſoll dieſe Stellung bewundert und ſein hauptſächliches Beſtreben darauf gerichtet haben, ihm dieſen Vortheil zu entreißen. Da aber Pappenheim's ungeſtüme Reiterei ſich zu weit vorgewagt hatte und von dem in Maſſe heranziehenden Reſervecorps der Schweden über den Haufen geworfen wurde, ſo mußte Tilly ſeine vortheilhafte Poſition verlaſſen und entſchloß ſich zur Offenſive. Er marſchirte vom Berge herunter und, den ſchwächeren Punkt des Feindes erkennend, warf er ſich mit einer ſolchen Vehemenz auf die wenig geübten ſächſiſchen Truppen, daß Schrecken und Verwirrung die Cavallerie und Artillerie ergriff. Die Sachſen ließen ihre Kanonen im Stiche; der Kurfürſt, der bei der Arrieregarde hielt, wurde mit in die Flucht verwickelt und lief auch ſelbſt mit ſeiner ganzen Leibcompagnieund ſtand nicht eher als in Eilenburg. Je ſchneller die Sachſen flohen, deſto weiter wurden ſie von den Kaiſerlichen verfolgt Jetzt beginnt die Wendung der Schlacht. Guſtav Adolf hatte in dem richtigen Momente, als die Verfolger ſich mehr und mehr vom Kampfplatz entfernt hatten, dieſelben in der Flanke und im Rücken angreifen laſſen und dadurch einen entſcheidenden Erfolg für ſeine Waffen herbeigeführt. Mit der größten Hartnäckigkeit hatten die Veteranen Tilly's unter den ungünſtigen Verhältniſſen gekämpft, einige mal den größten Theil der ſchwediſchen Reiterei unter Feldmarſchall Horn abgewieſen, allein vergeblich; Horn behauptete das Feld, und die ſehr zuſammen⸗ geſchmolzenen Truppen Tilly's mußten weichen und begaben ſich unter dem Schutze der arg mitgenommenen Pappenheimiſchen Reiterei anf den Rückzug nach Halle und Merſeburg ¹⁸⁵). Der Verluſt des kaiſerlichen Generals an Officieren und Mannſchaften war ſehr groß. Die Trophäen des Sieges waren zahlreich. Außer der unermeßlichen Beute, welche die Schweden machten, fielen dem Könige die ganze Artillerie Tilly's und mehr als hundert Fahnen in die Hände.Wie eine Mauer, wie ein Berg hätten die Feinde geſtanden; mit ſolchem Eifer und ſolcher Hitze hätten ſie gefochten,daß es bei⸗ nahe zweifelhaft erſchienen, wer den Sieg behalten werde, ſchrieben die Schweden. Tilly ſelbſt legte die größte Unerſchrockenheit an den Tag; wie durch ein Wunder war er der Gefangenſchaft, den Ta entgangen. Verwundet begab er ſich in der Nacht nach Halle und am folgenden Tage nach alberſtadt.

Es iſt wol kein Zweifel darüber, daß derSieger in mehr als zwanzig Schlachten, der im böhmiſchen, pfälziſchen und niederſächſiſchen Feldzuge die größten Erfolge aufzuweiſen und durch ſeine Siege von Prag, Wiesloch, Lutter a. B. den Ruf eines tüchtigen und umſichtigen Feldherrn erworben hatte, in demSchneekönig ſeinen Meiſter gefunden hat. So hoch ihn auch ſeine Vertheidiger als begabten Strategen ſchätzen, ſo ſehr ihn auch in dieſer Beziehung ein unparteiiſcher Hiſtoriker anerkennt, der den Baiernfürſten Max folgendes Urtheil fällen läßt,daß Tilly in Bezug auf Verbindung von kriegeriſcher Begabung und Gehorſam ſeines Gleichen nicht hätte ²⁸), ſ war ihm doch der jugendliche, geniale Schwedenkoͤnig bei weitem berlegen In tactiſcher Beziehung wurde der kriegsgeübte Belgier von dem muthigen Sohne des kalten Nordens überflügelt. Während Tilly's Soldaten nach der hergebrachten Weiſe der niederländiſchen Schule kämpften, indem ſie in viereckigen, unbehilflichen Maſſen manövrirten, ohne ſich gegenſeitig unterſtützen zu können, erwies ſich die neue ſchwediſche Fechtart als vorzüglich durch die bedeutend vermehrte Manoͤvrirfähigkeit. Die Waffengattungen wurden in kleineren delomden aufgeſtellt, konnten ſich ſomit leichter bewegen, beſſer zuſammenwirken und ſich im Falle des Angriffes ſchneller unterſtützen ⁴2). Während bei jenen regelmäßige Reſerve fehlte, hatte Guſtav Adolf ſolche eingeführt. Er gewöhnte die Soldaten an ſchnelle offenſive Bewegungen und rückſichtsloſes Vorgehen. Seine efaeiie feuerte beſſer als die kaiſerliche; in der Schlacht bei Breitenfeld erſchütterte zum erſten Male nahes Pelotonfeuer die alten Wallonenregimenter ¹). So wirkten verſchiedene Umſtände mit, welche bei näherer Betrachtung die Niederlage Tilly's erklären, uns aber auch den Feldherrn in einem milderen Lichte der Beurtheilung erſcheinen laſſen. Wol bemächtigte ſich Tilly's eine große Niedergeſchlagenheit in Folge der Niederlage, gingen doch die bedeutenden Erſolg. für Kaiſer und Reich, für die Religion mit einem Schlage verloren, aber er ertrug das Unglück in ſeiner ganzen Größe mit Gelaſſenheit und Standhaftigkeit, er ſah es an als eine von der göttlichen Vorſehung über ihn verhängte Züchtigung. So

Vergl.: ¹½) Calviſuis, S. 106.; Wittich, S. 760 a. a. Q. ¹²⁰) Villermont, S. 575. ¹²¹) Ranke, Geſchichte Wallenſtein's S. 243. ¹²²) Guſtav Freytag, Aus dem Jahrhundert des großen Krieges S. 13. ¹28) Guſtav Freytag, S. 40. 4