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Große Erbitterung herſchte in dolge des traurigen Schickſals Magdeburgs auch in der prote⸗ ſtantiſchen Welt. So viel auch die von Tilly inſpirirten Flugſchriften den Schweden als den Reichsfeind, als den Barbaren, der die Stadt im Stiche gelaſſen und ſie dem Verderben überliefert hatte, nannte, ſo war doch die Folge, daß die proteſtantiſchen Fürſten aus der Gleichgiltigkeit erwachten. Die früher erlittenen Unbilden, die Kriegs⸗ und Religionsdrangſale, der Haß über das erlaſſene Religionsedict erreichten mit der Zerſtörung von Magdeburg den Höhepunkt. Tilly, der Anſtifter von allem dieſem, mußte das Odium der allgemeinen Turdegin unter den Proteſtanten auf ſich nehmen. Er wurde verflucht,„der alte Bräutigam von Magdeburg“, wie ihn früher die Evangeliſchen ſpottend genannt, wurde für ſie ein Gegenſtand des Schreckens und Abſcheus. Die proteſtantiſchen Stände verbanden ſich mit Schweden, zuerſt Kurfürſt Wilhelm von Brandenburg, ſpäter auch Johann Georg von Sachſen; die Reichsſtädte Nürnberg, Ulm, Augsburg und Straßburg, welche in dem Schickſal Magdeburgs ihr eigenes ſahen, und Wuͤrtemberg, wo die Executoren des Reſtitutionsedicts beſonders brutal aufgetreten waren, ſchloſſen ſich dem nordiſchen König an.
Am 5. Auguſt 1631 erſchien Tilly vor Werben, wo ſich Guſtav Adolf verſchanzt hatte, zog ſich aber nach einigen Scharmuͤtzeln glaubend, der König wolle nicht aperto campo kämpfen ¹⁶), wegen Mangels an Proviant nach Tangerminde zurück. Hier empfing er die Nachricht, daß der Kurfürſt von Sachzen die Vereinigung mit den Schweden begehrt habe. Noch einmal ließ er durch zwei Subdelegirte in Merſeburg Johann Georg mahnen„von allen Werbungen abzuſehen und ſein Volk dem Kaiſer zu überlaſſen, damit der Kaiſer dem Kriege mit den Schweden deſto eher ein Ende machen könne“ ¹⁵). Auf die Mittheilung von des Schwedenkönigs Anmarſch rückt Tilly auf Halle los. Am 8. September richtet Tilly von dieſer Stadt aus ein neues Schreiben an Johann Georg,„ſich dem Kaiſer zu fügen“, und droht, er habe vom Kaiſer Befehl, mit Gewalt Pegen ihn vorzugehen. Aber der Kurfürſt war ſchon durch Arnim, den Feldherrn, einen Freund und
ewunderer des Schwedenkönigs, mit demſelben in nähere Verhandlungen getreten. Tilly, von der Ankunft Guſtav Adolfs bei Wittenberg benachrichtigt, ließ die Elbe überſchreiten, und Pappenheim nahm auf ſeinen Befehl die Stadt Merſeburg ein. Freilich hatte der kaiſerliche General ſomit den Anfang mit Feindſeligkeiten gemacht, und der Kurfürſt war formell im Rechte, wenn er ſich beſchwerte. Aber Lillh handelt hier ſo, wie jeder andere Feldherr unter gegebenen Verhältniſſen auch gehandelt haben würde. Erſt dann entſchloß er ſich zum Einfall, als er ſicher war, daß die Vereinigung des Kurfürſten mit Schweden ſo gut wie abgeſchloſſen war(oder wie es heißt:„Allem Anſchein nach wird zwiſchen den beiden die Conjunction erfolgen“ ¹„). Am 13. September erließ Johann Georg an Tilly einen Abſagebrief, in welchem er im Hinblick auf die fortgeſetzten Plünderungen in ſeinem Lande, auf die vielfachen feindlichen Drohungen, zur Abwehr ſolcher Beſchimpfung ſich entſchloß, wie ſie Recht, Natur und Herkommen ihm gebiete. Mittlerweile hatte der kaiſerliche General Leipzig erobert, welches ihm für die bevorſtehenden Operationen einen guten Stützpunkt abzugeben ſchien. Ohne daß es dieſer verhindern konnte, vereinigten ſich die von Torgau heranziehenden Truppen des Kurfürſten von Sachſen mit den ſchwediſchen bei dem Städtchen Düben an der Mulde in der Mitte des Weges von Leipzig nach Wittenberg. Eine offene Feldſchlacht hielt Guſtav Adolf in dem verſammelten Kriegs⸗ rathe für„einen Haſard, ein Riſico“, welchem nicht allein beide Armeen, nicht allein das Kurfürſtenthum, ſondern auch das ganze evangeliſche Weſen ausgeſetzt ſeien. Aus dieſem Benehmen ging deutlich hervor, welchen gewaltigen Reſpect der Schwedenkönig„vor dem alten, erfahrenen lliſtigen Capitän, dem Sieger von Magdeburg hatte.“ Da aber der Kurfürſt meinte, daß der Feind, der bereits den beſten Theil ſeines Landes inne habe, durch kein anderes Mittel heraus⸗ zubringen ſei als durch eine Schlacht, und„daß es unmöglich, zwei große Armeen, wie die ſchwediſche und ſächſiſche, auf die Dauer mit Proviant und Lebensmitteln zu verſorgen, ſo entſchloß man ſich, wenn ſich der Feind zum Treffen präſentire, in Gottes Namen eine Schlacht zu wagen“ ¹s). Es kam wenige Tage nachher bei Leipzig (Breitenfeld) am 17. September zu einer Schlacht, wie ſie furchtbarer noch nicht geſehen worden war; ſelbſt„die am weißen Berge“ war nicht damit zu vergleichen. Man berichtet aus dem ſchwediſchen Lager darüber:...„Seithero der Chriſtenheit iſt niemals in Deutſchland eine Schlacht geſchehen, von 60,000 und ſo zwei alten und verſuchten Generalen und zwiſchen zwei Armeen, die alle beide inflati geweſen von continuirlichen Victorien und dahero alle Beide obstinate geſtanden und pertinaciter gegen einandergefochten.“
Kann man Tilly die Schuld für die erbittene Niederlage bei Leipzig aufbürden? Sehen wir näher zu. In erſter Linie war ſeine Armee ſchwächer als diejenige der beiden Verbündeten. Während letztere nach den Aufzeichnungen ungefähr die Summe von 40,000 Mann betrug, hatte er kaum 30,000
Vergl.: ¹¹5) Calviſius, Ackermann, S. 108 u. 109. 1¹) Wittich, S. 740 u. ff. ¹1) Wittich, S. 751. Anmerk. Brief Wallmerode's. 1¹8) Wittich, S. 760. Ebenda, S. 763 a. a. O.


